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Tantra und Yoga

Swami Niranjanananda Saraswati
Mai 2008    Ljubljana/Slowenien, Universität
Newsletter 16

Meine diesjährige Reise nach Europa führt mich in fünf osteuropäische Länder und das erste Land ist Slowenien. Hier werden wir uns dem Thema ‚Tantra und Yoga’ widmen.
Da ich aus Indien komme, möchte ich über Tantra entsprechend den alten Überlieferungen sprechen und nicht über das, was im Westen als Tantra bezeichnet wird. Nach westlicher Ansicht ist Tantra das Wissen über Sexualität. In der ursprünglichen Überlieferung jedoch ist Tantra die Wissenschaft des Bewusstseins. Tantra im ursprünglichen Konzept ist ein sehr weit reichendes Thema. Es ist wie das Bild des menschlichen Körpers mit verschiedenen Teilen wie Kopf, Augen, Nase, Ohren, Arme, und mehr. All die verschiedenen Organe und Gliedmaßen müssen harmonisch miteinander arbeiten und gleichzeitig mit dem Gehirn koordiniert werden. Tantra ist wie ein menschlicher Körper, eine große Wissenschaft mit verschiedenen Ideen, Übungen und Techniken.
Das Wort Tantra setzt sich aus zwei verschiedenen Sanksrit Worten zusammen. Der erste Teil lautet „tanoti“ und bedeutet ausdehnen. Der zweite Teil lautet „trayati“ und bedeutet befreien. Das Wort Tantra bedeutet also Ausdehnung und Freisetzung. Ausdehnung des menschlichen Bewusstseins ist der eine Teil und Freisetzung von Energie ist der andere Teil. Energie und Bewusstsein sind die wesentlichen Bestandteile jeder Lebensform. In der gesamten Natur gibt es Evolution des Bewusstseins und Evolution der Energie. Eine einzellige Amöbe wurde zu dem komplexen Organismus des menschlichen Körpers. Diese Entwicklung fand in jeder einzelnen Zelle statt, denn jede Zelle enthält Bewusstsein und Energie. Damit Entwicklung überhaupt stattfinden kann, müssen Bewusstsein und Energie zusammen wirken. Keine der beiden können ignoriert werden, beide müssen sich gegenseitig unterstützen.
Ein schönes Beispiel dafür ist die Parabel von einem Blinden und einem Lahmen, die beide zu dieser Veranstaltung kommen wollen. Jeder einzelne ist dazu nicht in der Lage, nur wenn sie sich gegenseitig helfen, können sie ihren Wunsch erfüllen. Der Blinde kann seine Gliedmaßen benutzen, aber er kann nicht sehen. Der Lahme verfügt über alle Fähigkeiten mit Ausnahme des Laufens. Wenn sie also ohne äußere Hilfsmittel hierher gelangen wollen, muss sich der Lahme auf die Schultern des Blinden setzen und ihn führen, damit der Blinde, der ja laufen kann, den Weg zur Veranstaltung findet.
Das sind die Rollen, die Bewusstsein und Energie in Tantra spielen. Das Bewusstsein ist blind und die Energie ist lahm, so sieht es bei genauem Hinschauen in unserem Leben aus. Wir können uns viel im Leben vornehmen und planen, doch ohne Energie lässt sich nichts verwirklichen. Genauso wenig lässt sich mit viel physischer Energie und Aktivität ohne Bewusstsein erreichen.
Bewusstsein und Energie sind also wesentliche Bestandteile der Existenz, obwohl sie verschieden sind. Der Körper ist verdichtete Energie und der Geist ist Ausdruck des Bewusstseins, ein interaktiver Ausdruck des Bewusstseins in der Welt der Sinneswahrnehmung. Obwohl wir unseren Körper als materiell wahrnehmen, sagt uns Tantra, dass er eine andere Manifestation von Energie ist, die von Bewusstsein unterstützt wird.
Könnten wir durch ein Super-Mikroskop in unseren eigenen Körper blicken, würden wir hinter dem so genannten festen Körper im Inneren der Struktur des Atoms den Atomkern als reine Energie erkennen. Jede Form der Materie ist verdichtete Energie, jede Zelle besteht zu einem Teil aus Energie und zum anderen Teil aus Bewusstsein.
Dies ist eine wahre Geschichte. Dany war Musiker und hatte ein Lied mit dem Titel „I wished I could give my heart to you“ geschrieben und vertont. Ein einziges Mal nur hat er es selbst gehört, dann verunglückte er tödlich. Seit langem trug er einen Organspendeausweis mit sich. Im Krankenhaus, in das er eingeliefert wurde, lag ein Mädchen, das dringend auf ein Herz wartete. Ihr Name war Daniela, Dany und Daniela kannten sich nicht. Daniela erhielt das Herz von Dany. Nach der OP brachte der Vater dem Mädchen die CD von Dany, um ihr zu erklären, wer ihr sein Herz gespendet hatte. Er spielte die Musik und das Mädchen, das dieses noch gar nicht veröffentlichte Lied nie zuvor gehört hatte, wusste genau, wie der ganze Text lauten würde. Wie war es möglich, dass das Mädchen den Text des Liedes kannte? Ist es möglich, dass die Herzzellen mit dem Lied geschwungen und die Botschaft an das Gehirn weitergegeben haben könnten? Es muss möglich sein, wenn wir bedenken, dass jede Zelle Bewusstsein und Energie enthält. Könnte es sein, dass bei der Implantation auch Bewusstsein und Energie weitergegeben werden?
Yoga lehrt uns, dass es im Körper verschiedene Schichten von Bewusstsein und Energie gibt. Diese Schichten sind wie feinstoffliche Körper innerhalb des physischen Körpers. Wir alle kennen das Produkt Milch. Doch aus Milch lässt sich Butter, Joghurt oder Käse machen, einfach dadurch, dass Milch einen bestimmten Prozess durchläuft. Beim Betrachten der Milch jedoch lässt sich nichts davon sehen. Auch unser physischer Körper enthält unsichtbare Elemente.  
Der materielle Körper ist tatsächlich nichts als ein Behälter. Innerhalb dieses materiellen Körpers befindet sich der Energiekörper. Es gibt aber auch den geistigen, den mentalen Körper. Die nächste Art von Erfahrung, die in diesem Körper enthalten ist, ist die Erfahrung von Bewusstsein. Und danach folgt die Erfahrung der spirituellen Natur.
Tantra versucht alle fünf Ebenen zu entwickeln, Materie, Energie, Geist, Bewusstsein und Spiritualität. Deshalb lautet die Definition des Begriffs Tantra Ausdehnung des Bewusstseins und Freisetzung der Energie. Im Laufe der Zeit sind verschiedene Übungssysteme entstanden, die diesen Prozess möglich machen. Die wichtigste tantrische Übung ist Yoga. Weitere wichtige Aspekte von Tantra sind Mantra, Yantra und Mandala.
Wenn wir von Tantra sprechen, sind diese Aspekte entscheidend. Die Übung für die mentale Dimension ist das Mantra. Mit dem Mantra wird der Geist frei, er wird befreit von seiner obsessiven Natur, von seiner obsessiven Beschäftigung mit der Welt, so dass er das eigene Selbst erkennen kann. Ähnlich verhält es sich mit dem Yantra, das der Energie einen Rahmen gibt. Diese ist als Shakti, als Antriebskraft bekannt. Durch Yantras werden verschiedene Fähigkeiten der Shakti Kraft zum Ausdruck gebracht. Shakti als Energie und Shiva als Bewusstsein bilden das Fundament von Tantra und dem tantrischen System. Dieses Shiva-Shakti Prinzip wird auch das männlich-weibliche Prinzip genannt. Shiva und Shakti müssen sich vereinigen, damit Erfüllung und Fülle im Leben erfahrbar werden können.
Dieses Konzept wurde besonders im Westen sehr wörtlich genommen und daraus entstand das große Missverständnis, dass die Vereinigung von Mann und Frau der Gegenstand von Tantra ist. Nach westlicher Vorstellung ist daher Sex das eigentliche Thema von Tantra. Es geht jedoch um die Vereinigung der beiden Kräfte Shiva und Shakti, des männlichen und des weiblichen Prinzips, die auch Gegenstand von Kundalini ist. Tantra beschreibt genau, wie sich Bewusstsein und Energie vom Transzendenten zum Materiellen, vom Nichts in die Welt der Existenz entwickelt hat.
Ursprünglich waren Bewusstsein und Energie vereint. Dann entstand ein Verlangen im Bewusstsein - „Lass mich viele werden. Lass mich die Vielfalt erleben.“ Hier trennte sich Energie von Bewusstsein, um neue Erfahrungen zu kreieren. Und die erste Manifestation dieser Shakti aus dem transzendenten Zustand heraus war der geistige, der mentale Zustand. Aus dem geistigen Zustand entwickelte sich das Element Raum. Raum wurde zum Behälter für alle anderen Formen der Schöpfung, die folgen sollten. Aus Raum entstand das Element Luft, dann Feuer, dann Wasser und schließlich Erde, die festeste Form..
Das lässt sich anhand der Elektrizität sehr gut erklären. Dort wo sie erzeugt wird, herrscht eine sehr hohe Spannung oder Stromstärke, an die 10.000 Volt. Um die Elektrizität nutzen zu können, muss sie auf eine nutzbare Stärke, 110 oder 220 Volt reduziert werden, und das geschieht durch Transformatoren. Genauso durchläuft die Energie, ausgehend von ihrer mit Shiva vereinten transzendenten Natur, verschiedene Umwandlungen. Auf jeder Ebene wird die Existenz von Bewusstsein und Energie erfahren.
Der Geist war die erste Transformation und damit die erste Ebene der Erfahrung von Energie und Bewusstsein. Ebenso war es mit Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde. Sie entstanden als unterschiedliche Erfahrungs- und Ausdrucksebenen von Energie und Bewusstsein. Aus tantrischer Sicht kann jede Umwandlung vom Transzendenten zum Materiellen in diesem Körper erfahren werden, es werden verschiedene Körperzentren erweckt. Diese Zentren sind als Chakras bekannt. Auf materieller Ebene ist die Energie inaktiv, in einem ruhenden Zustand. Um sie zu vergeistigen, muss sie zu ihrer Quelle zurückkommen.  
Die auf materieller Ebene ruhende Energie wird Kundalini genannt, was so viel bedeutet wie, Energie, die in einer tiefen Grube ruht. Was verbindet Kundalini mit einer Grube? Laut Tantra führt die transzendente Erfahrung zur Entwicklung der höheren alldurchdringenden Natur. Spirituell ist dies das Sahasrara Chakra, das sich in der Krone des Kopfes zeigt. Der nächste Punkt im Körper ist das Augenbrauenzentrum, hier drücken sich die geistigen Fähigkeiten aus. Raum entsteht auf Halsebene, Luft auf Herzebene, Feuer in Höhe des Nabels, Wasser auf Kreuzbeinebene und Materie auf Steißebene. Der Abstieg des Bewusstseins verläuft durch die Wirbelsäule von der Krone des Kopfes bis zum Becken und das ist die Grube. Was wir also Evolution nennen, ist ursprünglich der Abstieg der Energie und die Trennung von ihrer ursprünglichen Quelle bis herunter auf die materielle Ebene.
Durch Verfeinerung muss die Energie wieder nach oben gelenkt werden, die rein materielle Wahrnehmung muss sich in transzendente Wahrnehmung wandeln. Darum geht es in Kundalini Yoga. Yoga und Tantra sind daher nicht zwei verschiedene Wege. Tantra ist sozusagen Mutter und Vater, Yoga ist das Kind. Ihre Gene sind dieselben, die Körper sind verschieden. Wenn wir also Tantra Yoga sagen, dann sprechen wir von Eltern und Kind. Und das Spirituelle gilt es zu finden.
In der westlichen Vorstellung von Tantra geht es um die Maximierung des Vergnügens, man darf alles tun, was man will. Alles, was sonst verboten ist, ist in Tantra erlaubt. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit und befriedigt die Genusssucht. Das aber sind genau die Zustände im Leben, die dich binden, die dich nieder ziehen und deine Begierden und deine Ambitionen füttern.
Die tantrischen Schriften jedoch sagen, ‚Ja, akzeptiere das Leben, lehne nichts ab, doch bleibe hier nicht stehen.’ Für den Tantriker gilt, sich aus der obsessiven Eigenschaft heraus zu bewegen, zu erkennen, dass man das was man als angenehm erlebt hat, immer und immer wieder haben will. Es gilt, Erfahrungen, die ihn einengen und festhalten, zu überwinden. So können alle Aktivitäten, die im menschlichen Leben normal sind, eine neue Bedeutung erhalten. Auch Sex wird nicht abgelehnt. Er ist ein Instinkt, er ist die Natur des Lebens. Doch auch auf dieser Ebene muss man nicht stehen bleiben sondern darüber hinausgehen. Wenn Sex heute die Grundlage für Vergnügen und Fortpflanzung ist, kann er morgen zur Grundlage für die Verfeinerung des Geistes werden. Ebenso verhält es sich mit den anderen Ebenen der menschlichen Existenz und den Obsessionen, die wir leben und in unserem Leben erfahren. Doch erst das Bemühen um Transzendenz, um Überwindung macht den Übenden zum Tantriker.
In jedem von uns besteht ein konkretes Bedürfnis nach einem natürlichen, spontanen Leben, einem Leben der Achtsamkeit, das auf ein Ziel gerichtet ist. Für die meisten religiösen und spirituellen Traditionen ist das Ziel des Lebens die Selbstverwirklichung. Mir erscheint dieses Ziel zu hoch, weil wir nicht darauf vorbereitet sind. Dieses Selbst, dieses Bewusstsein oder Gott, wer immer oder was immer es sein mag, steht für die transzendente Natur und die transzendenten Eigenschaften. Ganz sicher sind unser Geist, unser Gehirn, unsere Ideen und Glaubenssätze, unsere Persönlichkeit und unsere Natur nicht transzendent. Wie kann also diese nicht-transzendente Persönlichkeit, dieser nicht-transzendente Geist das Transzendente erfahren? Wie kann diese kleine Tasse das Wasser aller Ozeane fassen? Das ist unmöglich.  
Das Ziel und der Fokus des Lebens sollte es sein,  die Wahrnehmungsqualität zu verbessern, um das Transzendente erfahren zu können. Die Vorbereitung besteht also darin, Exzellenz, Vortrefflichkeit auf allen Ausdrucksebenen zu entdecken. Es geht dabei nicht um Gewinn, es geht um Verbessern. Erfolg im Leben bedeutet, zu versuchen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Wenn ich etwas besser mache als beim letzten Mal, bin ich erfolgreich. Meine Empfehlung ist daher, dem Idealzustand näher zu kommen, Perfektion zum Weg und Ziel unserer Reise zu machen.  
Yoga ist der erste Meilenstein auf dem Weg zu Tantra. Yoga macht uns bewusst für Körper und Geist und führt zu harmonischem Schwingen dieser beiden Systeme. Yoga trägt dazu bei, die Achtsamkeit nach innen zu lenken, frei von äußeren Ablenkungen. Yoga führt in die Meditation, in der die körperlichen und spirituellen Lebenserfahrungen erfasst werden können.
Am Anfang steht Akzeptanz, dann folgt Transzendenz. Akzeptiere dich so, wie du jetzt bist und gehe einen Schritt darüber hinaus. Dieser eine Schritt jenseits des Normalen bringt dich zur Transzendenz, zur Überwindung von Begrenzungen wie Ängsten und Unsicherheiten. Tantra erkennt alle grundlegenden Instinkte des Lebens an, sie können jedoch alle auf eine höhere Stufe gebracht werden. Sexualität ist ein Instinkt im Leben, kann sich jedoch aus dem Instinktiven heraus entwickeln. Angst ist der zweite Instinkt, Begierde der dritte und Schlaf oder Nichtbewusstheit der vierte. Alle diese Instinkte können wir aus dem Instinktiven heraus entwickeln. Dies sind die vier Grundinstinkte, bekannt als Maithuna, Bhaya, Ahara und Nidra. Auf diesen Ebenen beginnt die Arbeit, um ein ausgeglichenes, harmonischeres Leben und eine spirituell erleuchtete Persönlichkeit zu entwickeln. Yoga, Kundalini, Meditation und Akzeptanz bringen Tantra in unseren Alltag. In dem Moment, in dem wir die vier Grundinstinkte überwinden können, beginnen wir unsere innere, transzendente, reine Natur zu erkennen.

Und genau darum geht es in Tantra Yoga.