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Persönlicher Bericht aus dem Ashram der Bihar School of Yoga in Munger, zum Anlass des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums
von Swami Prakashananda Saraswati
Aus: Yogaheft Nr. 24
Meine geistige Heimat ist in Munger, im Nordosten Indiens, in der Bihar School of Yoga. Der Weg dorthin ist äußerst beschwerlich und meine erste Reise in das mir damals vollkommen fremde Land - mutterseelenallein, ohne allzu perfekte Sprachkenntnisse - war eine Reise voller Widersprüche, eine Reise ins Ungewisse. Zweifel auf der einen Seite, die Sicherheit, nach Hause zu kommen, auf der anderen. Als ich das Tor des Ashrams durchschritten habe, war ich wirklich Zuhause und wurde nach kurzer Zeit von meinem Guru in den Dysnami Orden als Sannyasin eingeweiht.
Swami Satyananda Saraswati ist der Begründer dieses Ashrams. Vor genau fünfundzwanzig Jahren wurde ihm seine Mission offenbart und er saß dort am Ufer des Ganges mit dem inneren Wissen, dass Schüler ihn, gerade ihn, suchen würden. (Jeder Meister vermittelt 'die eine Wahrheit' auf seine ihm eigene Art). Heute ist die Bihar School 'Ganga Darshan' ein riesengroßer Komplex mit vielen Häusern und großem Gartenareal auf einem Hügel über dem Ganges. Es leben und arbeiten dort etwa achtzig bis hundert Swamis und die gheru- (orange-) farbenen Tücher, die wir alle tragen, schwingen als dynamische Kreativität durch das tropische Grün der Gärten und in den einfachen Räumen der Häuser.
Das ganze Jahr über sind viele Besucher im Ashram. Entweder wollen sie nur Ashramleben erfahren und leben, oder eine Yogalehrerausbildung machen, oder in eine der vielen yogischen und tantrischen Wege tiefer eingeweiht werden - z.B. Kriya Yoga, Swara Yoga, Meditation, Mantra Yoga - oder sie suchen nach einer yogischen Hilfe für ihre Gesundheit und ihre Lebenseinstellung.
Ein besonderes Erlebnis ist das abendliche Kirtansingen mit vielen rhythmischen Instrumenten. Regelmäßig werden Texte der alten Schriften (Upanishaden oder Bhagavad Gita) rezitiert, kein Tag vergeht ohne den Shantih Path, das Friedensgebet aus den Upanishaden. Das äußere und innere Erfahren von Klang, Rhythmus und Schwingung - Nada Yoga - ist eine für Europäer meist unbekannte Yogaform.
In der Ashram-Druckerei wurden inzwischen viele für den Yogaaspiranten wertvolle Bücher gedruckt, die in fast alle Sprachen übersetzt wurden. Vier dieser Bücher wurden ins Deutsche übersetzt, all die anderen warten noch darauf, übersetzt zu werden. Diese Bücher enthalten Vorträge von Swami Satyananda oder wurden von seinen Jüngern mit seiner Inspirierung geschrieben.
Das Herz des Ashrams ist eine umfassende Bibliothek; ich bin jedes Mal wie gebannt von den ungeheuren Schätzen, die dort ruhen. Dort findet man alles, angefangen von den ältesten Schriften der Menschheit in Sanskrit und Pali, aber auch englische Übersetzungen, bis hin zu der ganzen Palette modernster wissenschaftlicher Abhandlungen und Erkenntnisse über den Menschen, das menschliche Gehirn, sein Bewusstsein, den ganzen Kosmos. Swamiji sieht sein Lebenswerk darin, die total umfassende Yoga und Tantra Lehre für die Menschen, besonders im Westen, zugängig zu machen, aus ihrer Isolation mit dem Osten zu befreien und Missverständnisse aufzuklären. Auf seine Art stellt er eine Synthese her zwischen dem alten Wissen, das nicht nach Beweisen fragt, und der modernen Wissenschaft, die für alle Entdeckungen nach greifbaren Beweisen verlangt. Natürlich gehört dazu eine umfassende Forschungsarbeit, die nicht nur auf Indien begrenzt ist, sondern in den westlichen Ländern, besonders in Australien, große Ausmaße annimmt und großes Interesse bei Medizinern und Wissenschaftlern hervorruft. Unsere modernen Epidemien - Zivilisationskrankheiten wie Asthma, Diabetes, Rheuma, Herzkrankheiten, Krebs - lassen sich durch Yoga heilen!
Das Sannyasa-Leben selbst entkleidet Swamiji seiner mystischen Schleier und unterweist noch heute seine Sannyasins in ganz persönlicher Form. Darüber hinaus weiht er in Karma Sannyasa ein, eine Vorbereitung für Menschen, die den spirituellen - also nicht Ich-bezogenen, auf Konkurrenz und Abgrenzung aufgebauten - Weg suchen und nach dem wahren Sinn ihres Lebens forschen, gleichzeitig aber noch Familie, Beruf, weltliche Verpflichtungen und Sinnesfreuden haben.
Die prägnantesten Yogaformen in der Bihar School sind Karma Yoga, der Weg der selbstlosen Arbeit, und Bhakti Yoga, der Weg der Liebe und Hingabe. Der Ashram erinnert an ein Bienenhaus - reges Treiben im Garten, in der Küche, im Versand und der Druckerei von früh bis spät und ohne die innere Bereitschaft zu diesen beiden Yogaformen hätte Ganga Darshan wohl nicht entstehen können. Alle Yogawege führen zum gleichen Ziel, zu voller Entfaltung unserer menschlichen Potentiale. Wenn wir bedenken, dass der normale Mensch heute nur ein Zehntel seines Gehirns nutzt, dann wird uns deutlich, wie viel Arbeit noch vor uns liegt.
Sein eigener Guru, Swami Sivananda von Rishikesh, gab seinem Jünger Swami Satyananda den einen Befehl: Arbeite hart, dann wird sich dein Licht von innen entfalten, du brauchst es außen nicht zu suchen. Und auf ganz individueller Ebene gibt er jedem seiner eigenen Jünger die gleiche Richtlinie. Das ist so faszinierend, dass er jeden seiner unzähligen Jünger und Schüler unterschiedlich und individuell führt und leitet.
Ein Aufenthalt im Ashram - sei es nun eine Woche, ein Monat oder Jahre - ist ganz sicher immer ein großes Erlebnis, eine innere Bereicherung. Ich hörte einmal die Aussage: Vier Wochen Ashramleben sind vergleichbar mit vier Jahren harter Yogaarbeit daheim. Es stimmt!
Wer eine Reise dorthin plant, sollte sich vorher anmelden. Besser noch, man nimmt vorher Kontakt mit uns als Zweig der Bihar School of Yoga auf oder verbringt hier ein paar Tage, um nicht eine so beschwerliche Reise mit falschen Erwartungen auf sich zu nehmen. Im Satyananda Yoga Zentrum in Volklings wird die Lehre von Swami Satyananda vermittelt und das Leben hier ist dem Ashramleben in Munger ähnlich - ein wenig abgewandelt und den klimatischen und kulturellen Gegebenheiten angepasst. Eine Woche im indischen Ashram kostet hundert Dollar. Wenn man allerdings einen Kurs belegt, z.B. eine Yogalehrerausbildung (vier Wochen) machen will, kommen Kursgebühren hinzu.
Eine Yogalehrerausbildung in der Bihar School zu machen, halte ich persönlich für jeden, der Yoga unterrichten will oder auch für die, die in Deutschland eine Ausbildung gemacht haben, für sehr wertvoll. Zum einen, um mit der Philosophie und dem täglichen Leben des Landes, in dem Yoga seine Wurzeln hat, vertraut zu werden. Zum anderen habe ich aber auch mit Erschrecken festgestellt, dass die Basis des klassischen Hatha Yoga hier so gut wie unbekannt ist und die Shatkarmas nicht oder unzureichend vermittelt werden. Die Betonung der Yogalehrerausbildung in Munger liegt auf den Shatkarmas, den Pawanmuktasanas, Yoga Nidra und anatomischen Grundkenntnissen. Also einfach, einfach, einfach - und das wollen wir doch lernen, unser Leben zu vereinfachen, auch den Yogaunterricht!
Im Februar 1989 besteht die Bihar School fünfundzwanzig Jahre und viele Menschen aus aller Welt werden zu diesem Ereignis dort zusammentreffen. Es ist ein Platz, wo unzählig viele Menschen Erfahrungen machen und inneres und äußeres Wachstum miterleben konnten. Möge auch unser kleines Zweiglein in Volklings diesen Weg in Swamijis Geist gehen. Wir werden zu dieser besonderen Gelegenheit in Munger sein und spirituelle Energien in unserem Herzen mitbringen.
Literaturempfehlung
Weiterführende Literatur zum Thema finden Sie unter: www.yoga-anandaverlag.de

