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Sannyasa und Einweihungen

Paramahamsa Niranjanananda Saraswati
(Aus: Yoga of Unity. Deutsche Übersetzung)
Yoga Heft Nr. 57

Eine alte Tradition

Sannyasa ist eine uralte Tradition. Sie hat der Menschheit über Äonen hinweg sowohl spirituelle Weisheit als auch materielles Wissen bewahrt. In Sanskrit wird dieses Wissen vidya genannt. Menschen, die dieser Tradition angehören, nennt man Sannyasins.

Den alten Schriften zufolge haben Sannyasins in jedem Bereich des Lebens, also auch auf dem Gebiet der Wissenschaft, Großes geleistet. Wir betrachten Einstein heute als den Vater der Atomtheorie, aber schon vor fünftausend Jahren hat ein Sannyasin die Relativitätstheorie und die atomaren Gesetze entdeckt. Er hat uns in schriftlicher Form etwas hinterlassen, klarer und mehr in die Tiefe gehend als alles, was wir heute über diese Theorie lesen können. Freud und Jung betrachten wir als die Väter der Psychologie. Wenn wir uns aber schon Patanjalis Werk anschauen, können wir sehen, dass es sich ausschließlich mit Psychologie befasst. So lassen sich viele Menschen namentlich nennen, die einen Beitrag zur Entwicklung der menschlichen Gesellschaft geleistet haben. Und diese Menschen waren Sannyasins.

Wir sind daher stolz darauf, dieser Tradition anzugehören. Wir vertreten eine bestimmte Lebenseinstellung, sind aber keiner religiösen Gemeinschaft verbunden. In der heutigen Zeit besteht unsere Aufgabe darin, Yoga weiterzugeben.

Sannyasa und Yoga

Sannyasa und Yoga sind zwei unterschiedliche Wege. Zu Yoga gehören verschiedene Techniken und Übungen, mit deren Hilfe die Menschen ihre innere Natur entdecken und verwirklichen können. Yoga ist für jeden geeignet, er mag jung oder alt sein, im weltlichen Leben engagiert oder zurückgezogen von allen weltlichen Verpflichtungen. Mit Yoga können wir uns nach innen bewegen und durch die Übungen Körper, Bewusstsein und Geist in Harmonie bringen. Yoga und Sannyasa sind nicht dasselbe, und um Yoga zu machen, braucht man nicht unbedingt Sannyasin zu werden.

Sannyasa ist eine Lebensweise, die sich völlig von der Theorie, der Übung und der Philosophie des Yoga unterscheidet. Sannyasa wird gern mit klösterlichem Leben verglichen, aber in meinen Augen ist diese Vorstellung zu eng. Sannyasa wird auch mit Rückzug gleichgesetzt; mit Menschen, deren Wunsch es ist, sich der Gesellschaft und ihrem Einfluss fernzuhalten und ein Leben in Einsamkeit zu führen, um an sich selbst zu arbeiten. Diese Entsagenden werden Sannyasins genannt. Aber auch das ist ein extremes Beispiel der Sannyasa Lebensweise.

Wenn wir nur den Gesetzen unserer inneren Natur folgen, können wir so leben, wie wir es wollen, wo es auch sei, in alles mögliche verwickelt sein, und trotzdem die innere Klarheit und unser inneres Gleichgewicht aufrecht erhalten. Um diese innere Klarheit müssen wir allerdings ringen. Wir müssen uns einer Lebensweise zuwenden, die es uns erleichtert, das innere Gleichgewicht zu finden. Das ist unter Sannyasa zu verstehen.

Das Wort Sannyasa birgt in sich zwei Elemente mit folgender Bedeutung: ‘San’ bedeutet (eine) harmonische Ausdruckskraft; ‘nyasa’ bedeutet richtige Anwendung der ihr innewohnenden kosmischen Stärke. Man muss nicht in der Einsamkeit der Berge leben, um die innere Ausgeglichenheit zu finden. Wozu soll man der Welt entsagen, wenn es ebenso möglich ist, mitten im Leben das innere Gleichgewicht aufrecht zu erhalten?

Einweihung - Diksha

Bevor ich weiter über Sannyasa und die verschiedenen Formen von Sannyasa spreche, möchte ich erklären, was Einweihung bedeutet. Es handelt sich keineswegs um den Beitritt zu einem Verein von Yogis oder Sannyasins. Es ist keine Eintrittskarte zum spirituellen Leben, es ist vielmehr ein Ausdruck des Vertrauens, das zwei Menschen ineinander setzen. Durch dieses Vertrauen wird es uns möglich, zu sehen und zu erfahren. Das Sanskritwort für Einweihung ist diksha, es bedeutet, erkennen zu können, was sich hinter dem Vorhang verbirgt, dem Schleier von maya. Maya ist sowohl kosmischer wie auch individueller Natur, wir müssen jedoch mit etwas beginnen, mit dem wir uns identifizieren können, und das ist die individuelle Natur. Das Ziel von diksha ist es, das wirkliche Selbst hinter dem, das im Körper existiert, zu erkennen und zu erfahren.

Durch diksha wird ein Mensch in die Lage versetzt, das wahre Selbst hinter dem, der den Körper bewohnt, zu erkennen und zu erfahren. Es gibt verschiedene Formen von diksha; Yoga Diksha und Sannyasa Diksha sind die bekanntesten. Yoga Diksha ist für Menschen, die den Yogaweg gehen, und hier gibt es eine weitere Unterteilung: Einweihung in ein Mantra und Einweihung in einen Namen. Das sind zwei bekannte Formen von Yoga Diksha. Es gibt noch eine dritte Form - Sankalpa Diksha, die Stärkung der Willenskraft. Ich möchte kurz über diese drei Formen der Einweihung sprechen, bevor wir uns Sannyasa zuwenden.

Mantra Diksha

Mantra Diksha ist die Einweihung in die Dimension von Schwingungen und Prana. Hier kommen wir unserem inneren Fühlen – den Emotionen - näher und bewegen uns vom Kopf- zum Herzraum, wodurch die Schwingungsnatur, die pranische Natur, der fühlende Aspekt des Lebens erfahrbar wird.

Ein Mantra ist eine Kombination von verschiedenen Klängen. Yogis haben herausgefunden, dass schlafende Bereiche unserer Persönlichkeit und unseres Bewusstseins durch die Kraft des Klanges angeregt und erweckt werden können. Es sind die Schwingungen von bestimmten Klängen, die durch ein Mantra auf unseren psychischen Körper einwirken.

Die Musik ist ein gutes Beispiel dafür, wie klangliche Schwingungen unsere Persönlichkeit beeinflussen. Bestimmte Arten von Musik regen uns an, andere bringen führen uns in einen nach innen gezogenen Zustand. Klangliche Schwingungen berühren auch die instinktiven Ebenen. So werden Tiere, die nur eine instinktive Intelligenz besitzen, vom Klang oder der Schwingung eines Tones berührt. Yogis wissen, wie durch Mantras verschiedene Ebenen von Energie und Bewusstsein in unserem Körper berührt und transformiert werden können.

In Kundalini Yoga finden wir einige Erklärungen für das Mantra System. Wenn wir z.B. das Mantra "Om Namah Shivaya" chanten, verändern wir damit das Muster eines bestimmten Chakras, und wir verändern den Energiefluss in unterschiedlichen Chakras. Nach außen zeigen sich solche Veränderungen des psychischen Körpers durch größere gedankliche Klarheit, Aufnahmefähigkeit, innere Stärke, die Fähigkeit, mit Stress besser umzugehen und unsere Kreativität besser zu nutzen. Durch das richtige Wiederholen eines Mantras können wir aber auch die Chakras erwecken. Das also ist eine Form von Yoga diksha.

Einweihung in einen Namen

Die zweite Form von Yoga diksha ist die Einweihung in einen Namen. Diese Einweihung ist für Menschen gedacht, die schon ein Stück des Yogaweges gegangen sind und Wert darauf legen, eine innere Identität mit dem Höheren Selbst aufrechtzuerhalten. In der gleichen Weise, wie wir uns mit dem legalen Namen identifizieren, so wird unsere Verbindung mit dem inneren Geist dadurch erkannt, dass wir uns mit dem Aspekt und der Qualität des Geistes, wie er sich im Leben zum Ausdruck bringt, namentlich identifizieren Als Beispiel nehme ich meinen Namen: niranjana. In sich selbst ist dieser Name bereits ein Mantra. Die wörtliche Bedeutung ist 'makellos', 'unbefleckt'. Das drückt auch die Natur des Geistes aus, mit dem ich mich identifizieren kann. Ich habe es zu meinem Lebensziel gemacht, mich mit dieser meiner Eigenschaft zu identifizieren und sie zu erfahren. Durch die Einweihung in einen Namen kommt die Verbindung des Individuums mit der höheren, inneren Natur zum Vorschein.

Sankalpa diksha

Die dritte Form ist sankalpa diksha. Auf diese Form der Einweihung möchte ich hier nicht genauer eingehen. Ich will nicht die Leckerbissen auf einem Regal ausbreiten, von dem jeder nach seinen eigenen Wünschen auswählen kann. Yoga ist kein Supermarkt, es ist ein langsamer Prozess der Wandlung. Wenn sich Herz und Bewusstsein durch die innere Wandlung allmählich öffnen, erlangt man Verständnis und gewinnt Vertrauen.

Sannyasa diksha

Und nun kommen wir zu Sannyasa diksha. In Sannyasa liegt die Betonung auf zwei Aspekten: viveka und vairagyaa, Unterscheidungskraft und Nicht-Anhaften. Um Viveka und Vairagya zu erlangen, muss man sich bemühen. Die Kraft der Unterscheidung ist ein Ausdruck für Weitblick und beinhaltet ein natürliches Verständnis für Lebenssituationen. Erst, wenn wir Lebenssituationen begreifen können, sind wir in der Lage, die uns innewohnende Unterscheidungskraft einzusetzen, um die rechte Mitte zu finden.

Diese Unterscheidungskraft erlangt man nicht mit dem Verstand, sondern durch das Erkennen von richtig und falsch. Falsch im Sinne von Sannyasa ist alles, was dem Erkennen unseres eigenen Selbst im Wege steht, was den Prozess des inneren Erwachens verhindert, was dem Wachstum unseres Bewusstseins nicht zuträglich ist. Wenn wir die Kraft der Unterscheidung einsetzen, sind wir uns dessen bewusst, was uns gut tut und was uns nicht gut tut, und wie wir zwischen den beiden einen Ausgleich schaffen können.

Der zweite Aspekt ist das Nicht-Anhaften, was als Vairagya bezeichnet wird. Es ist in unserem Leben etwas ganz Normales, Zuneigung zu etwas oder jemandem zu empfinden, was mit emotionalem Engagement einhergeht. Es intensiviert das Besitzdenken, die Vorstellung von 'mein'. Wenn wir dann gezwungen werden, uns davon zu lösen, ist das mit Leid verbunden. Deswegen müssen wir uns bemühen, nicht anzuhaften, sondern auf natürliche und entspannte Weise anzunehmen. So verhindern wir, dass wir uns nicht lösen müssen, indem wir gewisse Dinge zurückweisen und wir dabei einen inneren Konflikt, ein Leid oder einen innerlichen Schmerz schaffen.

Der Mittelweg zwischen Anhaften und Entsagung ist Nicht-Anhaften, und das ist Vairagya. Die Dinge um uns herum können sein, ohne dass wir davon Besitz nehmen. Gedanken und Verhalten bleiben unbeeinflusst, weil wir uns nicht an die Dinge klammern. Ein Lotos wächst in Sumpf und Wasser, aber die Blume bleibt vom Wasser unberührt. Die Blätter der Blume weisen das Wasser ab. Selbst wenn man Wasser auf sie tropfen lässt, werden die Tropfen herunterfallen. Weder Blätter noch Blüte werden jemals nass oder feucht, sie verlieren nie ihre Frische und Reinheit. Mit Nicht-Anhaften können wir in der Welt leben und bleiben doch von ihr so weit unberührt, dass wir unser inneres Gleichgewicht nicht verlieren. Viveka und vairagya sind die wichtigen Stützpfeiler des Sannyasa Lebens.

Die Fünf Glieder des Sannyasa Lebens

Sannyasa ist eine Lebensweise, in der fünf Qualitäten auszubilden sind: Die erste ist svadhyaya, das Studium des eigenen Selbst: das Beobachten der menschlichen Natur und das Harmonisieren derselben durch das Befassen mit dem eigenen Selbst. Die zweite ist sadhana, eine Übung zur Vollkommenheit zu bringen. Um das zu erreichen, sind Regelmäßigkeit, Wahrhaftigkeit und Überzeugung erforderlich. Der dritte Aspekt des Sannyasa Lebens ist seva, Seva bedeutet, unseren Mitmenschen selbstlos zu dienen. Der vierte Aspekt ist satsanga, mit der Wahrhaftigkeit Hand in Hand zu gehen. Der fünfte Aspekt ist samarpan, sich bedingungslos dem Willen Gottes zu fügen. Ist uns das möglich, dann können wir unsere göttliche Natur unmittelbar erfahren. Das also sind die fünf Komponenten von Sannyasa, die die Kraft der Unterscheidung und das Nicht-Anhaften im Leben erfahrbar machen.

Paramahamsaji wurde einmal gefragt, ob es irgendwelche Zeichen gibt, die uns erkennen lassen, wie weit wir uns spirituell schon entwickelt haben. Seine Antwort war: "Ja, du wirst bemerken, dass Wünsche, das Anhaften und das Verliebtsein in weltliche Dinge allmählich nachlassen. Wenn sie zunehmen - sei es bezüglich Name oder Anerkennung, Geld oder Status - kannst du daraus entnehmen, dass du in die falsche Richtung gehst. Wenn dich das alles aber in keiner Weise tangiert, wenn du hier und jetzt lebst, die Zukunft deutlich vor dir siehst und deine Gedanken klar sind, dann darfst du annehmen, dass du dich weiter entwickelst."

Ich habe das im Leben von Sannyasins, die die Kraft hatten, ernsthaft an sich zu arbeiten, beobachten können. Sannyasa steht nicht im Widerspruch zum materiellen Leben. Ich habe sogar das Gefühl, dass das Sannyasa Ideal noch vertieft werden kann, wenn man es mit dem materiellen Leben verbindet. Auf diese Weise kann man nämlich die Bedürfnisse und Wünsche des Körpers, der Sinne und des Bewusstseins leben und erfüllen, und gleichzeitig eine veränderte Wahrnehmung entwickeln, eine neue Einsicht gewinnen, und mit und an sich selbst arbeiten. Dann muss man auch später nicht sagen, dass man irgendeine Erfahrung im Leben verpasst hat.

Der formende Aspekt von Sannyasa

Eine der Stufen von Sannyasa ist kutichak. Hier lernt man, in eine verantwortliche Wechselwirkung einzutreten. Das ist der formende, der prägende Aspekt des Sannyasa Lebens und gleichzeitig einer der wichtigsten, weil er das Fundament für Sannyasa ist. Das Sannyasa Ideal beinhaltet, ein Leben im Einklang mit der eigenen Natur zu führen, ohne sich selbst bestimmte Strukturen und Disziplinen aufzuerlegen.

Shankaracharya gab dazu folgendes Beispiel: Der Kringelschwanz eines Hundes kann gestreckt werden, indem man ihn in ein Rohr zieht. Solange er sich in dem Rohr befindet, bleibt er gerade. Entfernt man jedoch das Rohr, wird der Schwanz in seine alte Kringelform zurückspringen. Nun, so ist es wirklich. Äußerlich haben wir eine Robe angelegt; äußerlich haben wir bestimmte Bedingungen und Disziplinen angenommen, weil wir ursprünglich gerne 'dazugehören' wollten. Aber innerlich, vom Bewusstsein her waren wir nicht richtig darauf vorbereitet, und deshalb werden wir bei der ersten passenden Gelegenheit alle Disziplinen über Bord werfen. Ich möchte deshalb noch einmal betonen, wie wichtig das formende Training ist.

Diese Schulung kann unter der Führung eines Gurus geschehen, während man in einer Gemeinschaft lebt, in der verschiedene Mentalitäten zusammenprallen. Das Leben als Spiel zu erkennen, ist Sinn dieser Schulung. Heute sind die Voraussetzungen für eine solche Schulung nicht mehr so leicht zu finden. Damals, in den Anfangsjahren unseres Ashrams, waren wir einfach eine Horde Kinder. Es ging uns großartig, weil wir mit unserem Guru lebten und alles mögliche taten, was verboten war. Viele konnten dieses Training nicht aushalten und gingen. Viele überlebten, machten noch eine Zeitlang weiter und gingen dann. Von den wenigen, die noch übrig blieben, blieben viele noch ein paar Jahre dabei und gingen dann. Von diesen wenigen sind einige noch heute dabei. Das zeigt deutlich, dass Sannyasa keine Lebensform ist, durch die man sich im Handumdrehen verändert; es erfordert harte Arbeit. Nur, wenn du bereitwillig an dir arbeitest und alle möglichen Entbehrungen auf dich nimmst, wenn du deiner Natur entsprechend lebst und dein Bewusstsein gefestigt ist, wird sich Sannyasa in deinem Leben verwirklichen.

Die Anwendung von Sannyasa

Die Prinzipien von Sannyasa im in das eigene eigenen Leben zu integrieren, ist ein weiterer Aspekt. Nachdem man das Anfangstraining durchlaufen hat, ist das Einbinden von Sannyasa ins Leben von größter Wichtigkeit. Hier kommt der Moment, in dem das Ego verrückt spielt. Das Ego ist etwas, was man niemals richtig unter Kontrolle bekommt kontrollieren kann, denn es ist eine ungeheure Kraft. Ich begegne oft Menschen, die psychisch sehr weit entwickelt sind. Wenn sich bei ihnen jedoch das Ego zeigt, verlieren sie jede Kontrolle, denn nun wird auch die Natur des Ego psychisch. Es lässt sich nicht fassen, nicht mit dem Verstand begreifen, man kann es nicht analysieren, rationalisieren, verstehen, kontrollieren, lenken und nicht überwinden. Es wird zu einer starken Kraft und kann sich auch als bindende und negative Kraft bemerkbar machen. Es kann zur Erde zurückziehen, zu den Vergnügungen des Lebens. Um das psychische Ego zu bändigen, ist es so wichtig, das richtige Verständnis von Sannyasa ins Leben zu integrieren.

Wenn man diese Stufe durchlaufen hat, wird man frei und fühlt sich nicht mehr von den begrenzenden Elementen des Lebens angezogen. Diese Freiheit lässt sich in spiritueller Dimension erfahren. Das Karma des Körpers müssen wir, solange wir einen Körper haben, trotzdem weiter erfüllen. Wir müssen essen und Sorge für den Körper tragen. Solange wir Gedanken und Gefühle haben, dürfen wir auch diesen Bereich nicht ignorieren, jedoch mit veränderter Wahrnehmung, veränderter Einstellung und einem veränderten Lebenskonzept, das wir auch leben. Mit diesem veränderten Lebenskonzept und der Übertragung ins eigene Leben wird Sannyasa Wirklichkeit. Die äußeren und die inneren Aspekte des Lebens sind darin integriert.

Durchführbarkeit von Sannyasa

Die yogischen Schriften stellen die Philosophie und das Ziel von Sannyasa genauestens dar. Beide sind spiritueller Natur und übersteigen damit das normale menschliche Verständnis, das von der Umgebung, in der wir leben, beeinflusst ist. Gleichzeitig lehrt uns Sannyasa auch, dass man auch praktisch denken muss und nicht in einer Fantasiewelt leben darf.  Samskaras, Wünsche und Karmas müssen wir durch die Praxis überwinden. Deswegen wird der Aspekt der Praxis von Sannyasa besonders stark betont.

Menschen, die dieser Tradition durch ihre Kultur verbunden waren und den entsprechenden Hintergrund hatten, die dem Luxus und den Annehmlichkeiten des Lebens nicht ausgesetzt waren, konnten sich ohne Probleme von einem zum anderen Augenblick aus der Gesellschaft lösen und ein zurückgezogenes Leben führen. Auch heute finden wir noch solche Sannyasins, die in verborgenen Ecken der Welt leben. Das ist für Menschen aus  anderen Kulturkreisen nicht so einfach, sie müssen etwas mehr daran arbeiten.

Ich habe die Beobachtung gemacht, dass sowohl Inder als auch Menschen jeder anderen Nationalität aufgrund ihrer kulturellen Konditionierung in ganz bestimmter Weise denken, handeln, sich verhalten und glauben. Solange sie sich mit ihrer Programmierung im Einklang befinden, können sie das Sannyasa System akzeptieren. Doch wenn man sie dort herauslöst, damit sie sich auf etwas anderes einlassen, dann wird es schwierig und sie verlieren leicht den Kontakt mit dem wahren Sannyasa Geist. Ihre ganze Aufmerksamkeit und ihre Energien lenken sie in eine völlig andere Richtung. Weil ich das immer wieder beobachten konnte und auch selbst Menschen in Sannyasa eingeweiht habe, die sich so verhalten, habe ich Einweihungen inzwischen stark eingeschränkt.

Stufen von Sannyasa

Bis vor einiger Zeit war es Swami Sivananda, der sehr großzügig in Sannyasa einweihte. Er sagte immer, dass der Same der Spiritualität in jedem vorhanden ist, dass es nur des richtigen Momentes bedarf, um aufzugehen. Er war der Meinung, dass jeder die Möglichkeit haben sollte, das Sannyasa-Leben zu erfahren. Die gleiche Tradition wurde von Paramahamsa Satyananda fortgeführt. Er teilte Sannyasa in alle Richtungen aus. Er hatte zweifellos die Kraft und Energie, Menschen zu führen und zu inspirieren. Als aber die Last auf meine Schultern fiel, da wusste ich, dass ich nicht die Kraft und Energie von Swami Sivananda und nicht die von Swami Satyananda habe. Ich glaube nicht einmal, dass ich es will, es schafft einfach zu viele Probleme.

Ursprünglich gab es in der Tradition nur purna sannyasa. Paramahamsaji bezog den Aspekt von karma Sannyasa für die Menschen mit ein, die inmitten der Gesellschaft leben und ihre Verpflichtungen haben und trotzdem eine spirituelle Identität in ihrem Leben aufrechterhalten möchten. Als ich meine Aufgabe übernahm, habe ich den Aspekt von jigyasu Sannyasa aufgenommen und gleichzeitig die Einweihung in Purna Sannyasa eingeschränkt, weil letzteres wirklich eine sehr tiefgehende Sache ist.

Sannyasa heute

Meine augenblickliche Aufgabe ist nicht einfach, denn ich habe es mit zwei Generationen zu tun. Da sind zum einen die Jünger von Paramahamsaji und zum anderen gibt es die von mir geschulten Sannyasins. Für die Jünger von Paramahamsaji bin ich Guru-Bruder und nicht ihr Lehrer. Sie denken, sie können sich jede Art von Freiheit mit mir erlauben, weil Paramahamsaji nicht da ist, um sie zu führen und ihnen Richtlinien zu geben. Manchmal müssen wirklich harte Schritte eingeleitet werden, um sie etwas zu lehren, egal wie sehr wir uns mögen und lieben.

Ursprünglich wurde in Sannyasa eingeweiht, um Menschen dabei zu helfen, sich zu entwickeln und ihre eigenen Reaktionen im Leben zu verstehen. Es zeigte sich jedoch, dass einige von denen, die sich in Sannyasa einweihen ließen, unreif waren. Es fehlte ihnen die Fähigkeit, mit verschiedenen Lebenssituationen richtig, positiv und kreativ umzugehen. Sie ließen sich stattdessen vom Gedanken an Macht einfangen und verloren ihre Verbindung zur Weisheit.

Aus diesem Grund habe ich im Jahr 1990 viele Sannyasins, Lehrer der Tradition, Acharyas und Gurus besucht, und mich mit ihnen ausgetauscht und diskutiert. Schließlich kam ich zu der Überzeugung, dass wir in unserer heutigen Zeit ein System brauchen, mit dem Sannyasa erfahren werden kann. Ein System, das ein gutes Training beinhaltet, durch das die Aspiranten bestimmte Eigenschaften in ihrem Leben entwickeln können, um die tiefere Bedeutung von Sannyasa zu verwirklichen. Das war der Hintergrund, aus dem heraus Jigyasu Sannyasa entstand. Nach weiterer Beratung mit den Acharyas der Sannyasa Tradition wurden 1991 Verhaltensregeln aufgestellt, um den idealen Sannyasa Geist anstreben zu können, ohne diesen Weg falsch auszulegen. Diese Regeln beinhalten, wie man in der Welt, in der Familie und in einem Ashram lebt und wie jeder Moment genutzt werden kann, die eigenen Fähigkeiten wachzurufen.

Jigyasu, Karma und Purna Sannyasa

Die erste Stufe von Sannyasa ist Jigyasu und ist für den Suchenden. Es ist die einfachste Form von Sannyasa. Man kann so leben, wie man möchte: allein oder in der Familie, zurückgezogen oder in der Gesellschaft, mit einem Beruf oder ohne. Man darf durch die Einweihung in Sannyasa nicht mit der gewählten Lebensform in Konflikt geraten. Trotzdem sollte eine Identität und das Wissen darum, sowie das Ziel, auf Suche nach Vollendung zu sein, nicht verloren gehen. Der Leitsatz für Jigyasu Sannyasins ist: 'Ich bin ein Suchender auf dem spirituellen Weg.' Auf dieser Stufe sind es das Sadhana und die einzuhaltenden Disziplinen, die für die eigene Handlung und das Verhalten bewusst machen und die innere Wahrnehmung entwickeln. Dadurch wird sich die Aufnahmefähigkeit im Leben ausdehnen und zu größerer Toleranz und Verständnis für unseren eigenen Lebensweg führen. Das ist die erste Ebene von Sannyasa.

Wenn man dann mit der Jigyasu-Lebensweise gut zurechtkommt und weitergehen möchte, folgt als nächstes Karma Sannyasa. Auf dieser Stufe versucht man, die Handlungen ausgewogener werden zu lassen und den Früchten der Handlung zu entsagen. Das geht Hand in Hand mit dem ganz normalen Leben. Man gibt seinem dharma gemäß bei allem sein Bestes und hegt keinerlei Erwartung. Mit der Einweihung in Karma Sannyasa ist ein anderes Sadhana verbunden, einige weitere Eigenschaften werden kultiviert, und man wird sich noch mehr seiner selbst bewusst. Auf diese Weise kann man sich allmählich von dem Anhaften an alltägliche Handlungen lösen, die uns an die Welt der Sinne ketten.

Wenn dieser Harmonisierungsprozess erfolgreich verlaufen ist und man immer noch weitergehen möchte, dann gibt es Purna Sannyasa. Purna Sannyasa beinhaltet eine völlig andere Lebensweise. Hier zieht man sich für einige Zeit von der Gesellschaft und der Familie zurück und lebt unter der Führung des Gurus. Man verinnerlicht seine Lehren, kommt mit sich selbst ins reine und überwindet schließlich das individuelle Ego. Danach geht man wieder zurück in die Welt und lebt das Sannyasa-Leben entsprechend der eigenen Möglichkeiten. In Purna Sannyasa lebt man die Sannyasa-Ideale in jedem Moment, denn das spirituelle Leben spielt die entscheidende Rolle. Wir erforschen uns selbst, indem wir mit uns selbst experimentieren, um uns weiter zu entwickeln, und dabei gehen wir so weit, wie es uns möglich ist.

Sannyasa ist ein natürlicher Lebensweg, und man sollte vermeiden, sich nun wiederum zu konditionieren. Man bekommt zwar eine bestimmte Kleidung, die deshalb gegeben wird, damit man sich mit dem spirituellen Leben identifizieren kann, die sich jedoch auf den beiden ersten Stufen mit der ganz alltäglichen Kleidung kombinieren lässt. Jigyasu Sannyasins tragen gelb, und bei Karma Sannyasins sieht die Kleidung etwas anders aus. Purna Sannyasins tragen ein Dhoti, wie ich eines trage. Wer an sich selber arbeiten möchte, sollte diese veränderte Lebensweise annehmen, um dem Leben einen tieferen Sinn zu geben, um die eigene Spiritualität zu begreifen und sich so von einer Stufe zur nächsten fortzuentwickeln.

Jede der verschiedenen Stufen ist wichtig. Es geht nicht, sich heute in Jigyasu Sannyasa einweihen zu lassen, morgen in Karma Sannyasa und übermorgen in Purna Sannyasa. Mindestens ein Jahr sollte zwischen der ersten und der zweiten Einweihung verstreichen. Hat man das Gefühl, noch nicht soweit zu sein, dann ist es besser, sich Zeit zu lassen. Man muss sich absolut sicher sein in dem, was man tut, glaubt und erfährt und sich dabei wohl fühlen. Wenn innere Konflikte auftauchen, steht das im Widerspruch zu Sannyasa.

Das Vertrauen des Gurus

Sannyasa gibt uns die Möglichkeit, verschiedene Charaktereigenschaften auszubilden, aber das ist mit Arbeit verbunden. Wenn Menschen in Sannyasa eingeweiht werden, sind sie noch nicht vollkommen. Durch Sannyasa wird ein inneres Vertrauen zwischen Guru und Jünger aufgebaut. Man erhält keine Urkunde, die man sich an die Wand hängen kann, und man wird auch nicht Mitglied in einem Club. Mit der Einweihung in Sannyasa setzt der Guru sein ganzes Vertrauen in seinen Jünger, in der Hoffnung, dass dieser Jünger in der Lage sein wird, Sannyasa zu leben. Es ist, als wenn man ein Zeugnis bekommt, bevor die Erziehung überhaupt beginnt, und wo in der Welt ist das möglich? Das geht nur in Sannyasa, bedeutet aber, dass nach der Einweihung das Ringen um Vollkommenheit beginnt. Dieser Aspekt einer Lehrer-Schüler-Beziehung ist etwas Wunderbares.

Manchmal bekommen wir es vielleicht mit der Angst und glauben, dass wir uns durch die Einweihung dem Guru ausliefern und die Kontrolle und unsere Identität verlieren könnten. Diese Ängste sind unbegründet, denn wir übersehen dabei das in uns gesetzte Vertrauen. Wenn wir aber erkennen können, dass der Guru uns vertraut, dann werden wir die Quelle der Inspiration zu schätzen wissen. Wer seine Verpflichtung ernst nimmt, wird sich entsprechend dem Vertrauen, das in ihn gesetzt wurde, verhalten.

Mit Sicherheit kann Sannyasa dazu beitragen, die Stärken unserer eigenen Natur zum Vorschein kommen zu lassen und daran zu arbeiten, unsere Energien besser zu nutzen. Die richtige Umgebung für diese Arbeit ist zum einen die Familie, zum anderen die Einsamkeit, einige Zeit verbringt man in der Nähe des Meisters und einige Zeit in einer Gemeinschaft oder einem Ashram, in dem die anderen einem ähnlichen Lebensziel anstreben.

Der Weg des Sadhanas

Die meisten der frisch eingeweihten Sannyasins glauben, sie seien über Nacht zu Propheten geworden, hätten damit einen höheren Status erworben und seien nun vollkommen. Aber dem ist nicht so. Sannyasins sind ganz sicher keine perfekten Menschen. Wenn man Perfektion von Menschen erwartet, die noch an ihren Samskaras, Karmas, ihrem Ehrgeiz und ihren Wünschen zu arbeiten haben, dann versteht man das Sannyasa System irgendwie falsch. Sannyasa ist der Weg, sich zu entwickeln.

Durch das Sadhana wird Sannyasa vollkommen, und der Weg ist der des Dienens. Das Sadhana umfasst folgende Lernschritte: Selbstanalyse, Selbstbeobachtung, Ausdehnen des Bewusstseins, Zuneigung für jeden zu empfinden, Sympathie und Antipathie zu überwinden, mit der wahren Natur im Einklang zu sein und schließlich das Opfern des eigenen Willens an den göttlichen Willen. Um sich in dieser Lebensweise zu festigen, muss man sich zuerst einmal seiner selbst bewusst werden und die fundamentalen menschlichen Qualitäten entwickeln. Man muss sich zu einem reifen Menschen entwickeln, denn ein unreifer Mensch ist kein Sannyasin.

Diese Reife muss sich in Gedanken, Gefühlen, dem Verstand und durch die Ausstrahlung zeigen. In den Yoga Sutras wird diese Reife als eine wichtige Lebensqualität bezeichnet, die es zu entwickeln gilt. In den Aspekten der yamas und niyamas drückt sich diese Reife schon aus, und deshalb muss man auf der ersten Stufe beginnen, was bedeutet, sich mit der augenblicklichen Lebensform anzufreunden. Die fünf Elemente - sadhana, seva, svadhyaya, samapan und satsang - werden ins Alltagsleben integriert. So kann Meisterschaft in der Lebensweise eines Sannyasin erlangt und die Kraft eines gesunden Urteilvermögens und des Nicht-Anhaftens gewonnen werden.

Wenn man etwas erreicht, ist das immer mit Macht und Weisheit verbunden. Aber unser Ego zieht die Aufmerksamkeit zur Macht und ignoriert die Weisheit. Wenn jemand aus der Höhe abstürzt, ist immer das Ego die Ursache, und das gilt sowohl für den ganz normalen als auch für den geistig hoch entwickelten Menschen. In Sannyasa muss man sich mit der Weisheit identifizieren und nicht mit der Macht. Diejenigen, die einen Pakt mit der Macht schließen, betrügen sich selbst. Wenn es an Weisheit mangelt, kann es keinerlei Fortschritt oder Wachstum geben und man wird am Ende nichts erreichen.

Sannyasa Schulungskurs

In Anbetracht all dieser wichtigen Faktoren haben wir im Jahr 1991 einen einjährigen Sannyasa Schulungskurs durchgeführt. Wer daran teilgenommen hat, hat diese Art Training durchlaufen, und ich nenne diese Menschen heute stolz 'meine Sannyasins'. Sie können in ausgewogener Weise arbeiten und haben ein größeres Verständnis für die menschliche Natur. Sie arbeiten, um sowohl sich selbst als auch anderen zu helfen und integrieren die fünf Elemente von Sannyasa in ihrem Leben.

Im Jahr 1992 haben wir einen ähnlichen Kurs für Teilnehmer anderer Nationen durchgeführt, der ein halbes Jahr dauerte. Es war eine harte Zeit für uns alle, ununterbrochen galt die Devise: beobachte dich selbst; beobachte deine Reaktionen und harmonisiere sie; entferne dein Ego; sei ernsthaft; sei unschuldig; bringe dein Urteilsvermögen zum Ausdruck. Auf diesen Aspekten lag der Schwerpunkt.

Die Freiheit erfahren

Es gab immer wieder mächtige Gurus, die viele Menschen ohne jegliche Unterteilung gleich in die volle Form von Sannyasa eingeweiht haben. Aufgrund ihrer Stärke und Inspiration waren sie in der Lage, die Aspiranten zu führen. Heutzutage ist es schwer, so einen Guru zu finden, und es ist noch schwerer, Menschen zu finden, die sich so führen lassen. Die meisten von uns möchten jede Regel, die geschrieben steht, übergehen, weil das Missachten von Regeln mit Unabhängigkeit und Freiheit assoziiert wird. Aber in Sannyasa geht das nicht. Die Disziplin ist notwendig, um mentale Begrenztheit zu überwinden, und nur so wird schließlich die innere Freiheit erfahrbar.

Das Sannyasa-Leben sollte nicht dazu dienen, Freiheit im äußeren Leben zur Schau zu stellen. Indem wir erkennen, was Freiheit wirklich bedeutet, kommen wir dem inneren Wesen näher. Das Wissen über diese Freiheit ist kein intellektueller Vorgang, sondern eine lebendige Erfahrung. Wissen muss sich selbst in lebendige Erfahrung verwandeln, sonst ist es wertlos. Wenn Wissen nicht angewandt werden kann, wenn es nicht erfahrbar wird, sollten wir erst gar nicht nach Wissen streben, weil es zu noch größerer Verwirrung und Unwissenheit führt. In den Upanishaden heißt es, Nichtwissen führe in die Dunkelheit, Wissen jedoch, das nicht richtig angewandt wird, führe in noch größere Dunkelheit. Deshalb ist es unsere höchste Pflicht, die unmittelbare Erfahrung zu machen, was dann möglich wird, wenn wir bestimmte Charaktereigenschaften ausbilden. Danach müssen wir streben und daran arbeiten, wenn wir der Tradition gerecht werden wollen.

Der Tradition gerecht werden

Ich glaube, nur durch Willenskraft, Entschlossenheit und Streben kann ein Mensch Großes erreichen. Der von Shankaracharya gegründeten Dashnami Tradition gehören 520.000 Sannyasins an. Man stelle sich nur vor, dies wären alles vollkommene Menschen. Der Anblick der ganzen Erde würde sich über Nacht verändern.

Fünfhundertzwanzigtausend ist eine beachtliche Zahl, aber nur wenige unter ihnen widmen sich ganz und gar dem Erfahren von wahrem Sannyasa. Wir wissen nicht, was in ihren Herzen vorgeht und kennen nicht ihre Wünsche und Ambitionen und das, wonach sie streben. Wir brauchen das auch gar nicht zu wissen. Wichtig ist nur, das Sannyasa Ideal in unser eigenes Leben zu integrieren. Wenn dieses Streben ernsthaft ist, dann können wir Sannyasa gerecht werden und zu den wenigen gehören, die ihr inneres Licht entzündet haben. Wenn diese Inspiration jedoch schwankt, dann können wir überhaupt keiner Tradition gerecht werden, ob nun Sannyasa oder im normalen Leben.

Nicht nur in Sannyasa können wir gewinnen oder verlieren. In allen Situationen des Lebens erfahren wir entweder das eine oder das andere, in der Schule, in der Partnerschaft, im Beruf, als Arzt oder als Wissenschaftler. Erfolg oder Misserfolg können uns im Sannyasa-Leben nicht berühren, solange wir innere Klarheit haben und das Ziel vor uns liegt. Ich glaube, auch Menschen des westlichen Kulturkreises können sich sehr behutsam für die Sannyasa Tradition öffnen. Sie können sich lehren lassen, wie durch bestimmte Disziplinen universale Qualitäten freigelegt werden und wie sich Gedanken und Ego bändigen lassen. Auf diese Weise können ganz sicher auch sie der Tradition gerecht werden. In jedem Falle bleibt es eine individuelle Angelegenheit, denn die entscheidende Frage lautet, wie weit man sich selbst gegenüber Verantwortung übernimmt.

Indem wir ernsthaft, ohne uns selbst zu belügen, wahrhaft menschliche Eigenschaften entwickeln, können wir sogar dazu beitragen, die Sannyasa Tradition neu zu strukturieren. Ein Jigyasu Sannyasin kann den ersten Schritt in diese Richtung gehen und sich vornehmen: "Ich überantworte mich meinem höheren Selbst. Ich bin mir selbst gegenüber aufrichtig." Das ist eine Verpflichtung, die du für dich selber übernimmst und nicht einem anderen gegenüber. Wenn du diese Verpflichtung nicht einhalten kannst, ist niemand außer dir der Verlierer. Dann haben die Verlockungen, die Ambitionen und Schwächen gesiegt.

Ich erinnere mich an die Worte von Paramahamsaji während des dreijährigen Sannyasa Schulungskurses im Jahr 1970, an dem ich einige Monate teilnahm: "Ich will Menschen aus Stahl und keine Mohrenköpfe. Menschen, die Schwierigkeiten mit einem Lächeln auf den Lippen und lachenden Augen gegenübertreten können und immer gewinnen." Wer daran denkt, den Sannyasa Weg zu beschreiten, sollte diese Vision und diese Inspiration vor Augen haben.

Hiermit habe ich einige meiner Gedanken über Sannyasa dargelegt. Ich bin überzeugt, dass wir mit der richtigen Einstellung zumindest einen Teil des Weges gehen, vielleicht sogar das Ziel erreichen können. Aber selbst, wenn es nur ein Teil des Weges ist, wird er uns unserem Ziel näher bringen. Natürlich - die Wälder sind wunderschön, dunkel und tief, doch ich habe ein Versprechen zu halten und noch Meilen zu gehen, bevor ich schlafe!

Literaturempfehlung

Weiterführende Literatur zum Thema finden Sie unter: www.yoga-anandaverlag.de