Diese Seite drucken | zurück zur Übersicht

Unser Thema in diesem Heft ist Karma Yoga

Yoga Heft 48

"Sich an die Gesetze von Karma Yoga zu halten, ist nicht einfach, aber lohnend. Der Karma Yogi nutzt auf seinem Weg die kleinen einfachen Gegebenheiten. Die Prüfung liegt darin, menschliches Verhalten in den täglichen Problemen zu üben, den ernsthaften und den einfachen. Derjenige, der sich aus der Faszination erfreulicher Ereignisse ebenso lösen kann, wie von den herunterziehenden Wirkungen trauriger Ereignisse, ist ein Karma Yogi im wahrsten Sinne des Wortes, denn er gibt alles, was er hat. Für einen solchen Menschen währt ein Gebet nicht nur einige Minuten, sondern er gibt sein ganzes und volles Leben hin. Für ihn wird das Leben selbst ein ununterbrochenes Gebet. Lass dein Leben ein ständiges Gebet werden, indem du dich dem Karma Yoga hingibst."

Swamiji

Wer unerfreulich Werk nicht scheut
und am erfolgreichen nicht hängt,
verzichtet recht, ist einsichtsvoll,
von Zweifeln frei und weisheitsvoll.

Bhagavad Gita XVIII:10

Yoga zu praktizieren, und somit können wir durch unsere Handlungen ein höheres Bewusstsein erlangen.
Die Bedeutung von Karma Yoga wird von Yoganeulingen oft übersehen. Das regelmäßige Üben von Yogatechniken ist zwar sehr wirkungsvoll, aber wir sollten Yoga den ganzen Tag ausüben. Und das ist möglich durch Karma Yoga. Erst durch Karma Yoga kommen wir in den vollen Genuss der anderen Yogaformen.

Natürlich ist normale Arbeit nicht Karma Yoga. Karma Yoga bedeutet selbstlose, konzentrierte Arbeit, mit vollkommenem Bewusstsein.

Hingebend tu dein Werk und bleib
von Vorteilsucht und Haften frei;
wird Glück, wird Unglück dir zuteil,
geb Yoga dir Gelassenheit!

Bhagavad Gita II:48

Das Motto von Karma Yoga ist: geben - geben und noch mal geben. Das herrschende Motto in der Welt ist: nehmen - nehmen und noch mehr nehmen. Dieses letztere Verhalten verhindert jedoch einen Fortschritt im spirituellen Leben und ebenso in der Meditation.

"Arbeit könnte zu einer Quelle des Glücks werden, wenn man sie als Sprungbrett zur spirituellen Erleuchtung betrachtet. Durch Karma Yoga können alle tief liegenden Eindrücke und Probleme (Samskaras) heraus fließen."

Swamiji

Es gibt eine Grundregel für Karma Yoga, die äußerst wichtig ist: sei nicht mit deiner Handlung und deren Konsequenzen verhaftet. Dann wird Arbeit zum Spiel, es ist nicht mehr Arbeit. Normalerweise arbeitet man mit einem Motiv, man erwartet Ergebnis oder Belohnung, während man ein Spiel einfach so aus Freude macht. Nicht die Arbeit selber, sondern die Verhaftung macht uns unglücklich und unzufrieden. Arbeit schadet wirklich niemandem - es sind die Erwartungen, der Status, die Belohnung oder Bezahlung usw., was die gedankliche Verwirrung schafft. Deshalb ist die entscheidende Spielregel bei Karma Yoga: mach deine Arbeit vollkommen, setz all deine Fähigkeiten ein, aber identifiziere dich nicht mit ihr. Verhaftetsein bringt Schmerz und Elend und Spannung; Loslösung bringt Entspannung, Ruhe und Zufriedenheit. Wenn du dieses Loslösen in jeder Lebenssituation  verwirklichen kannst, wird dich das auf einen höheren Bewusstseinszustand heben. So sicher, wie die Nacht dem Tage folgt, so wird sich diese Loslösung in eine umfassende Liebe verwandeln; das wird keine egoistische Liebe mehr sein, sondern Liebe aus Mitleid. Dabei ist nicht die äußere Entsagung entscheidend, sondern das innere Loslassen von allen Verhaftungen an Menschen und Dinge.

Die  T a t  allein bekümmre dich,
nicht ihr Erfolg, nicht ihre Frucht!
Wirk um des Wirkens Willen stets,
und halt dich frei von Müßiggang.

Bhagavad Gita II:47

Wichtig ist eine positive Einstellung zu Karma Yoga. Zum einen liegt wohl die Spruchgirlande, die die Hitlerschen Konzentrationslager schmückte: "Arbeit macht frei!" sehr tief in unserem kollektiven Unbewussten Ein zutiefst menschenverachtender Missbrauch dieser tief liegenden Wahrheit macht uns sehr misstrauisch diesem Satz gegenüber. Zum anderen war es Karl Marx, der uns mit seinem "Wert der Arbeitskraft" weit weggetragen hat von dem "Wert der Arbeit". Nur schwer können wir auf Grund dieser tief liegenden Erlebnisse und dem in der Kindheit und Jugend Gelerntem erkennen, dass es tatsächlich die Arbeit ist, die selbstlose, ohne nach den Früchten fragende Arbeit, die frei macht; frei von all den Konzepten und Vorstellungen und Begrenzungen, die ein Weiterschreiten auf dem spirituellen Weg unmöglich machen. Aus den oben genannten Erlebnissen hat sich eine panische, kollektive Angst entwickelt, "ausgenutzt" zu werden. Daher werden Plätze wie ein Ashram, in dem man ohne Belohnung, ohne Anerkennung, ohne Bezahlung arbeiten kann, mit äußerstem Misstrauen betrachtet.

Auf Arbeit habt ihr Anrecht, doch nicht auf
deren Früchte. Alles, was auch nur aus dem
geringsten selbstsüchtigen Motiv geschieht,
schmiedet, statt uns frei zu machen, neue
Fesseln um unsere Füße.

Swami Vivekananda - Karma Yoga

An jedem Platz und am besten mitten in der Welt, viel besser als in der Abgeschiedenheit, können wir Karma Yoga praktizieren. Aber es ist schwer, ohne persönliche Erfahrung ein Verständnis der wundervollen Wirkung von Karma Yoga zu bekommen. Und in einer leistungs- und erfolgsorientierten und egoistischen Welt können wir schwerlich persönliche Erfahrungen machen. Darum gibt es Ashrams.

Im Ashram leben, bedeutet nicht, sich zurückzuziehen. Wer immer das erwartet, wird enttäuscht sein, wenn er z.B. nach Monghyr kommt. Zurzeit ist es eine große Baustelle, vorher lag der alte Ashram zwischen der Hauptbahnlinie und der Hauptstraße. Tag und Nacht ist von der Außenwelt keine Ruhe zu erwarten; aber das macht es zu einem idealen Platz. Wenn man hier seine Yogaübungen intensivieren kann, dann kann man es überall auf der Welt. Es ist ein Platz für Karma Yoga; es ist nicht ein Platz der schläfrigen Ruhe, der Meditation, die höchstwahrscheinlich keine Meditation ist, sondern Schlaf. Es wird den ganzen Tag gearbeitet, manchmal auch nachts, niemand wird für seine Arbeit bezahlt, im Gegenteil, die Gäste bezahlen dafür, dass sie arbeiten dürfen.

Wer aufgibt seiner Taten Frucht,
zum Seelenfrieden findet der.
Doch giert er nach der Tat Erfolg,
versklavt sein Tun in neuem Leid.

Bhagavad Gita V:12

Es ist wichtig, klarzustellen, dass Karma Yoga nicht in Lethargie und Desinteresse endet. Man glaubt gern, dass nur der Ehrgeiz, die Leistung, die Leidenschaft, die finanzielle Belohnung und andere Motive den Menschen zum Arbeiten antreiben, und dass er ohne diesen Ansporn in völlige Faulheit und Inaktivität versinken würde. Zweifellos ist es fast überall so, dass die Erwartung auf Belohnung (Geld, Name, Ruf, Liebe, Anerkennung, Sicherheit) die Menschen arbeiten lässt. Aber gleichzeitig führt die in dieser Haltung ausgeführte Arbeit zu ununterbrochener Disharmonie in der Welt und im Inneren des Einzelnen. Ein Mensch jedoch, der nicht von Gedanken an persönlichen Lohn motiviert wird, wird seine Pflicht erkennen und sie  t u n. Er wird nicht aufhören mit der Arbeit, weil es keinen Grund gibt, aufzuhören. Für ihn gibt es keine Einteilung in gute oder schlechte Arbeit, in angenehme oder unangenehme. Die christliche Heilige Katharina von Siena drückt das so aus: "dem Tapferen sind Glück und Unglück wie seine rechte und seine linke Hand - er gebraucht sie beide."
Swami Vivekananda, der engste Jünger von Ramakrishna schreibt in seinem Buch "Karma Yoga":

"Arbeitet wie der "Meister" und nicht wie der "Sklave"; arbeitet unaufhörlich und verrichtet dennoch nicht Sklavenwerk! Seht ihr denn nicht, wie sie alle arbeiten? Niemand findet dabei die innere Ruhe. Nahezu die gesamte Menschheit plagt sich wie ein Sklave, und das Ergebnis davon ist Not. Denn das alles ist Arbeit aus Eigennutz. Arbeitet aus Freiheit! Arbeitet aus Liebe! Liebe kann dort nicht blühen, wo keine Freiheit ist. Im Sklavenstand ist keine wahre Liebe zur Arbeit möglich. Wenn ihr einen Sklaven kauft, ihm Ketten anlegt und ihn arbeiten heißt, dann schafft er wohl wie ein Packesel, aber Liebe ist nicht in ihm. Und ebenso wenig kann Liebe in uns sein, wenn wir als Sklaven für die Werte dieser Welt arbeiten, denn unsere Arbeit ist nicht das wahre Schaffen. Selbstsüchtige Arbeit bleibt Sklavenwerk. Doch jede freie Liebestat bringt Glück. Es gibt keine Tat der Liebe, die nicht in dem, der sie tut, Frieden und Seligkeit hervorriefe."

Alle großen Religionen haben auf die Bedeutung von Karma Yoga hingewiesen, aber am Deutlichsten geschieht es sicher durch die Lehren von Krishna an Arjuna in der Bhagavad Gita, der heiligen Schrift der Inder. Es wird angenommen, dass die Bhagavad Gita, "der Gesang des Erhabenen", ca. 200 Jahre vor Christus das erste Mal niedergeschrieben wurde, aber lange vorher schon als abgeschlossenes Werk von Mund zu Mund weitergegeben wurde.

Von Tat-Sucht und von Tat-Frucht frei,
sitzt, Meister seiner selbst, der Geist
in der neuntorigen Stadt des Leibs,
schaut dem Geschehen gelassen zu.

Bhagavad Gita V:13

Unsere persönlichen Launen machen es uns unmöglich, Verantwortung auf der Weltbühne zu übernehmen. Wenn wir diese selbstsüchtigen Wünsche überwinden können, wenn wir uns zum Werkzeug machen und nicht der Handelnde sind, dann wird alles, was wir tun, spirituell und perfekt; mit der kleinsten Anstrengung wird jede Arbeit dann vollkommen. Man ist in jeder Situation ausgeglichen und ruhig - denn wie kann ein Werkzeug ärgerlich oder ungehalten oder egoistisch werden? Es sind unsere persönlichen Bedürfnisse und Wünsche und Begierden, es ist unser Ego, was uns in Konflikt mit anderen und unserer Umgebung bringt. Wenn Menschen sagen, es ist unsere Pflicht, anderen zu helfen, so ist das zwar sehr nobel, aber doch meistens Heuchelei, denn die meisten Menschen helfen anderen, um sich selbst zu helfen; sie helfen für Lob, Anerkennung, Status und viele anderer Erwartungen. Wohltätigkeit ist nicht zwangsläufig selbstlos. Hinter der meisten Wohltätigkeitsarbeit stehen egoistische Motive. Aber je mehr man sich dessen gewahr wird, je mehr lässt das nach. Wenn man mit Karma Yoga beginnt, ist es wichtig, diese egoistischen Motive zu erkennen und sie zu akzeptieren. Allmählich wird das Bewusstsein gereinigt, die Konzentration wird sich erhöhen, und wir werden zufriedener. Karma Yoga ist für unser Glück und unsere spirituelle Entwicklung. Wir sollten also nichts dafür erwarten.

Mache eines aus Ziel und Weg! Tun wir eine
Arbeit, so sollten wir an nichts anderes denken.
Verrichtet sie als Gebet, als höchste Andacht
und weiht ihr eure ganze Lebenskraft.

Swami Vivekananda - Karma Yoga

Mit Karma Yoga können wir unser Karma tilgen, und das wird uns tiefere Meditationserfahrungen bringen. Aber Karma kann nicht durch Karma getilgt werden, denn jedes Karma hinterlässt einen neuen Eindruck. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, müssen wir Karma Yoga machen und nicht Karma. Karma Yoga ist ein unpersönliches Karma ohne Verhaftung. Karma ist Arbeit mit absoluter Identifikation und Verhaftung. Aus Karma entstehen Ängste, Neurosen und Unzufriedenheit; Karma laugt einen aus, lässt einen erschöpft sein. Aus Karma Yoga entsteht ausschließlich Zufriedenheit. Es bedeutet selbstlose Hingabe, während Karma immer mit Selbstsucht zu tun hat. In Karma ist alles für mich, und in Karma Yoga ist alles für dich. Durch Karma fügst du neues Karma hinzu und dein Schicksal wird immer schwerer überwindbar. Durch Karma Yoga reinigst du deine ganze Persönlichkeit von Tag zu Tag ein bisschen mehr, bis du vollkommenen Frieden in dir gefunden hast.

Wer nichts verlangt, nicht hasst, nichts giert,
der übt im Tun das Nicht-Tun schon;
wer, wirkend nicht den Sinnen folgt,
bleibt von der Taten Folge frei.

Bhagavad Gita V:3

(Der Ausdruck Karma stammt von dem Sanskritwort Kri = tun. Alles Tun ist Karma. Es bedeutet auch die Wirkung alles Tuns, deren Ursachen in vergangenen Handlungen zu suchen sind. Dies wird in der Bibel mit den Worten ausgedrückt: Was du säst, das wirst du ernten.)

Literaturempfehlung

Weiterführende Literatur zum Thema finden Sie unter: www.yoga-anandaverlag.de