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Die Stellung von Karma Yoga im Ashramleben
Swami Satyananda Saraswati
Yoga Heft Nr. 49
Für die meisten Leute ist das Konzept von Karma Yoga etwas völlig Neues. Sogar in Ashrams, wo die täglichen Aktivitäten auf Karma Yoga basieren, bemerken die meisten der Insassen den Sinn nicht und unterschätzen daher dessen Einfluss in ihrem spirituellen Leben. Wenn jedoch jemand in der Lage ist, eine leidenschaftslose Einstellung zu der anliegenden Arbeit zu entwickeln, kann eine normale Tätigkeit in ein Werk von Sadhana verwandelt werden. Swami Satyananda sprach während seines Besuchs im September 1980 in Barcelona, Spanien, über dieses Thema.
Wenn Sie erst einmal die Wichtigkeit von Karma Yoga erkannt haben, dann verbessert sich die Qualität Ihrer Arbeit, und jedes Karma wird Karma Yoga. Es ist die besondere Einstellung des Anwärters die ein normales Karma zu Karma Yoga werden lässt. Ob Sie Karma Yoga durch den Körper, den Geist, die Sprache oder die Sinne praktizieren, das Ziel sollte klar sein. Was immer Sie tun muss mit einer leidenschaftslosen Einstellung und zum Zwecke der Selbstreinigung geschehen. Die Reinigung des Chittas (dem Geist) ist das Ziel.
Die Einstellung sollte eine des Nicht-Einbezogenseins oder der Objektivität sein. Da dies ein schwierig zu erklärendes Konzept ist, möchte ich es mit einem Beispiel verdeutlichen. Sie und ich, wir beide haben eine Firma. Wir können gedeihen oder versagen. Wo Sie sich nur um die geschäftlichen Dinge kümmern und um die Ergebnisse nicht besorgt sind, da habe ich Erwartungen. Wenn Sie erfolgreich sind und hohen Gewinn erwirtschaften, dann bringen Sie das Geld auf die Bank. Wenn Sie Pech haben, schließen Sie einfach die Firma. Für mich jedoch ist der Erfolg lebensnotwendig. Wenn ich ein Menge Geld mache bin ich sehr, sehr glücklich. Und wenn meine Geschäfte schief gehen werden hoher Blutdruck und Herzanfälle folgen.
Jeder Mensch hat eine Einstellung zum Karma, zu den Dingen die er tut. Es gibt zwei Einstellungen: Eine basiert auf Bindung, die andere auf Unabhängigkeit. Verstehen Sie den Unterschied zwischen diesen Beiden? Nehmen wir an, ich habe einen Babysitter der jeden Tag zu mir nach Hause kommt und auf mein Kind aufpasst. Mein Kind wird krank und ich zahle dem Babysitter noch extra, damit sie in der Nacht bei ihm bleibt und darauf achtet, dass er seine Medizin nimmt. Sie bleibt die ganze Nacht auf; weil es zu ihrer Pflicht gehört, sie schläft während der Nacht nicht. Auch ich kann diese Nacht nicht schlafen, weil ich so um mein Kind besorgt bin. Keiner von uns beiden kann schlafen, aber können Sie den Unterschied sehen? Sie schläft nicht, weil sie durch ihren Dienst dazu verpflichtet ist und ich schlafe nicht, weil ich durch meine Beziehung gebunden bin.
Eines Tages kommt der Babysitter zu mir und sagt: 'Ich muss nach Hause, weil mein Kind sehr krank ist.' Ich bitte sie zu bleiben, aber sie lässt sich nicht überreden und fährt mit dem nächsten Zug. Während der ganzen Nacht ist sie mit dem Zug unterwegs, aber sie kann nicht schlafen. Warum? Weil jetzt ihr Kind betroffen ist. So zeigt sich deutlich, dass die Einstellung des Einzelnen zum Karma abhängig ist von seinem Verhältnis zum Ziel dieser Tätigkeit.
Die zentrale Lehre der Bhagavad Gita besteht aus folgender wichtigen Strophe: 'Dein Recht ist es zu Arbeiten, aber nie auf die Früchte zu achten.' Wir sehen jedoch, dass jeder gewisse Erwartungen an die Pflichten, die er verrichtet, hat.
In vielen Ashrams, Klöster und anderen Institutionen habe ich gefunden, dass die Insassen den Wert von Karma Yoga nicht richtig einschätzen. Sie glauben, dass sie nur arbeiten, um die Institution am Funktionieren zu erhalten, und dies ist kein sehr klares Bild von Karma Yoga. Die Institution mag davon profitieren, aber dies ist sicher nicht das Ziel. Der wahre Sinn von Karma Yoga ist es, die Mittel für eine Selbstreinigung zur Verfügung zu stellen.
Wenn Sie nicht arbeiten, ist der Geist frei und wandert von einem nutzlosen Gedanken zum anderen. Er benimmt sich wie ein Affe im Käfig, hüpft auf und nieder, hierhin und dorthin, aber tut nichts Nützliches oder Greifbares. Diese Verschwendung von Energie erzeugt unnütze Eindrücke im Geist und entwickelt den Hang zum Fantasieren. Dadurch werden viele Samskaras angesammelt und wenn Sie versuchen zu meditieren, oder wenn Kundalini von ihrem Schlummer erwacht, explodieren alle diese Eindrücke und beschmutzen den mentalen Hintergrund. Deswegen ist es der Zweck von Karma Yoga den Geist davor zu bewahren, zum untätigen Vagabunden zu werden. Wenn der Geist durch Karma Yoga entsprechend beschäftigt ist, wird er im Laufe der Zeit rein und klar.
Ein anderer großer Fehler vieler Ashrambewohner ist es, dass sie von der Macht, der Position und dem Status vom Weg abgebracht werden. Sie identifizieren sich so stark der Sekretär, Beauftragter, Kassier oder Buchhalter zu sein, dass sie sogar nicht mehr wissen, warum sie in einen Ashram gekommen sind. Sicherlich nicht, um mehr Karma anzusammeln! Der Ashram soll ein Ort sein, wo man sich dessen entledigen kann. Als solches ist es notwendig die richtige Einstellung zum Karma zu haben.
Natürlich wusste ich, als ich das erste Mal in einen Ashram eintrat nicht, was Karma Yoga war. Ich hatte darüber gelesen, aber es nicht selber erfahren. Jedoch stürzte ich mich voll in die Arbeit im Ashram und in wenigen Jahren entdeckte ich, dass die Arbeit die ich tagsüber leistete die Qualität meiner fünfzehnminütigen Meditation wesentlich verbesserte. Tatsache ist, dass ich, bevor ich in den Ashram kam, eine Schwierigkeit mit meiner Meditation hatte. In einer bestimmten Phase bei meinen Übungen stand ich immer vor einer großen Wand über die ich nicht hinauskam. Es schien so, als ob meine Erfahrungen immer in eine Sackgasse gerieten. Ich wusste nicht was ich tun sollte und hatte schon bei vielen Leuten Rat gesucht.
Als ich Swami Sivananda traf, war das die erste Frage die ich ihm vorlegte. Er forderte mich auf, im Ashram zu bleiben, hart zu arbeiten und mich zu reinigen. Ich begann sofort zu arbeiten. Ich wusch das ganze Kochgeschirr, schleppte Wasser aus dem Ganges auf die Bergkuppe, sammelte Ziegelsteine und Feuerholz, tippte auf der Schreibmaschine und konstruierte und ging acht Kilometer am Tag, um auf dem Markt Gemüse einzukaufen und es auf meinem Kopf zurückzubringen. Während dieser Zeit arbeitete ich jeden Tag bis nachts um neun Uhr. Dann nahm ich ein Bad und setzte mich ans Ufer des Ganges um zu meditieren. Ich praktizierte Mantras, und mein Inneres war immer erleuchtet. Da waren keine Gedanken oder Eindrücke; es gab keine Vergangenheit und keine Zukunft. Ich existierte nicht einmal. Es war wie im Traum. Bevor ich es wusste, war es drei oder vier am Morgen. Ich schlief überhaupt nicht. Dies ging viele Monate lang, aber ich merkte nicht, dass ich nicht schlief.
Wenn ich jetzt über diese Zeit nachdenke, muss ich mich wundern. Ich weiß, dass ich nicht verrückt war, aber wie konnte ich jede Nacht ohne zu Schlafen in Padmasana verbringen, wenn ich gleichzeitig den ganzen Tag so hart gearbeitet hatte? Wir lebten auch nur von einem Mindestmaß an Lebensmitteln. Im Ashram hier gab es nur genug Nahrung um den Hunger zu stillen, das war alles. Es gab nicht genügend Mineralien, Vitamine oder Proteine, aber meine physische Energie war so hervorragend, dass, wenn ich 100 Kilometer hätte laufen sollen, dazu in der Lage gewesen wäre.
Das Ashramleben ist wie ein Traum, ein sehr angenehmer Traum, der in einer sehr unangenehmen Weise vorübergeht. Nein, nicht unangenehm, ich möchte sagen, er geht in einer sehr unbequemen und unbehaglichen Art vorüber. Wenn ein Ashram keinen Wert auf Karma Yoga legt, wird er nicht in der Lage sein, irgendjemanden zu helfen. Karma Yoga ist die Grundlage des spirituellen Lebens. Bhakti Yoga ist die übergeordnete Struktur und Raja Yoga ist der Putz und die Innenausstattung. Solange man nicht eine solide Grundlage hat, kann man kein schönes Haus bauen. Putz und Dekoration sind nicht genug. Deswegen waren zu allen Zeiten die Ashrams Plätze, an denen der Guru und seine Jünger sehr hart zu arbeiten hatten.
In Australien kauften wir etwas Land, 100 Kilometer von Sydney und etwa 30 Kilometer von der nächsten Poststelle und Einkaufsmöglichkeit gelegen. Jahrelang hatten wir kein Strom oder Telefon, und sogar jetzt haben wir kein heißes Wasser oder richtige Badezimmer. Wir haben einige einfache Hütten gebaut in denen die Sannyasins leben können, aber die Lebensbedingungen waren hier nie einfach. Es gibt oft wenig Wasser. Im Winter ist es hier so kalt, dass es nicht mal hilft, wenn man jede Stunde Kaffee trinkt. Viele Sannyasins verlassen den Ashram. Sie sagen, 'Wenn ich hier so viel erdulden muss, nur weil ich Sannyasin geworden bin, dann taugt dieses Leben nichts. Ich möchte es nicht länger mitmachen.'
Ashrams sind nicht dazu gedacht den Komfort eines Heimes zu bieten. Das Leben in einem Ashram muss verschieden von dem sein, das Sie in der Stadt geführt haben. Ihre Habe muss minimal sein und Sie müssen in der Lage sein, sich an den Geist der Gemeinschaft anzupassen. Neid und Konkurrenz sollten nicht entstehen, obwohl es eine gesunde und positive Art der Konkurrenz gibt, die akzeptierbar ist: 'Er arbeitet zwölf Stunden am Tag, ich will sechzehn arbeiten. Jener Swami spricht so wenig wie möglich, ich möchte noch weniger reden. Sie isst nur zweimal am Tag, ich werde damit beginnen, nur einmal zu essen.' Dies ist eine gesunde Art der Konkurrenz die einen Swami motiviert, aber die andere Form ist negativ: 'Oh, er isst Brot und Butter, das möchte ich auch haben, aber auf meins tue ich noch Käse. Sie hat vier Dhotis, ich möchte sechs.' Nun, das sind einige Scherze des Ashramlebens. Ich bin sicher, alle Swamis hier haben einige von ihnen schon erlebt.
Empfehlenswerte Literatur zu dem Thema Karma Yoga:
Karma Sannyasa (SYZ Anandaverlag Köln)
Die Bhagavad Gita, Bauer Verlag oder Drei Eichen Verlag
Karma Yoga und Bhakti Yoga von Swami Vivekananda, Bauer Verlag
Die Autobiografie von Mahatma Gandhi
*1 Die drei Gunas sind die Grundeigenschaften im Menschen:
Sattva = Harmonie, Weisheit
Rajas = Energie, Kampf, Leidenschaft
Tamas = Trägheit, Verblendung
Literaturempfehlung
Weiterführende Literatur zum Thema finden Sie unter: www.yoga-anandaverlag.de

