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Die Shatkarmas

Eine alte Technik für den modernen Menschen
Aus Yoga 11
Von Swami Ajnananda Saraswati, aus Yoga Magazine February 1981

Das Wort Gesundheit kommt von dem Begriff Ganzheit. Es ist sicher nicht verkehrt zu behaupten, dass bis vor kurzem die Vorstellung von Gesundheit in der Abwesenheit von Krankheit bestand. In der westlichen Medizin ist man dieser Frage in Teilbereichen näher gekommen. Man weiß heute sehr viel mehr über die Körperfunktionen, die Physiologie, sowie die gröbere und feinere Körpergestalt, der Anatomie; ganz besonders, was das Gehirn, das Nerven- und das endokrine Drüsensystem betrifft. Sehr detaillierte Forschungen betreffen eine Vielzahl der Krankheitsverläufe (Pathologie) des Menschen. Aber trotzdem hat man kaum versucht, all diese Forschungsarbeit über den Körper in Zusammenhang zu bringen mit den mentalen Abläufen, ausgenommen in dem Gebiet der Endokrinologie. Anderseits sind intensivste Forschungen mit den mentalen Abläufen auf dem Gebiet der Psychologie und der Psychiatrie betrieben worden, aber meistens ohne die Körperabläufe miteinzubeziehen. Der Schwerpunkt ist einfach falsch gesetzt – anstatt unsere Anstrengung auf die Erforschung gesunder Menschen zu legen, studieren wir Krankheit, Störungen, die den Körper oder den Geist befallen können. Wir sollten lebendige Körper studieren und nicht tote; wir sollten gesunde und befreite Gemüter studieren und nicht gestörte und begrenzte. Wir sollten unsere Anstrengungen in eine positive Richtung legen, und das ist der Weg von Yoga.

Vor vielen tausend Jahren haben die Yogis sich einem Prozess der Selbsterforschung unterzogen, der spirituellen Frage nach dem Sinn des Lebens und der Entfaltung aller menschlichen Potentiale; und dabei erkannten sie, dass diese Frage nur auf guten Grundmauer wachsen kann – auf strahlender Gesundheit; nicht nur auf der Abwesenheit von Krankheit, sondern auf Fülle und Überfluss von Vitalität und Energie. So entwickelten sie Techniken der Selbstbehandlung und Krankheitsvorsorge, um ihrer Frage weiter nachgehen zu können, ohne durch Schmerz und Krankheit daran gehindert zu werden. Im Mittelpunkt dieser Techniken steht eine Übungsgruppe, die das Entscheidende in den Hatha Yoga Shatkarmas ist, den Reinigungsmethoden. Zusammen mit Asanas, Pranayama, kreativer Meditation und Entspannung sind dies die Übungen, die sich als Yoga-Therapie verselbständigt haben.

Jala Neti

Die Jala Neti-Übung ist eine Nasenreizung; sie ist so einfach auszuführen und hat dabei eine große Anzahl therapeutischer Wirkungen, so dass diese Übung als eines der wichtigsten Werkzeuge eines Yoga-Therapeuten betrachtet wird. Warmes, leicht gesalzenes Meerwasser wird mit Hilfe eines passenden Gefäßes (Neti-Lota) in ein Nasenloch gegeben, was durch den nasalen Pharynx und durch das andere Nasenloch wieder herausfließt. Genau das gleiche macht man zur anderen Seite.

Die warme Salzwasserlösung, die über die mit den olfaktorischen Nerven zusammenhängenden Nervenendungen fließt, direkt über dem nasalen Rachenraum, wirkt beruhigend und entspannend auf das Gefühlszentrum im limbischen System des Gehirns. Es trägt dazu bei, die Konzentrationsfähigkeit zu verbessern und die Interaktion zwischen dem begründenden und denkenden Teil des Hirns – dem Cerebral Cortex und dem fühlenden limbischen System zu harmonisieren. Genau diese beruhigende Wirkung beeinflusst auch Kopfschmerz. Dieser direkte Kontakt, der zwischen dem limbischen System und der Medulla Oblongata (dem Teil im Hirnstamm am Ende des Rückenmarks, der für unbewusste Funktionen zuständig ist – dem autonomen (vegetativen) Nervensystem, der Steuerung des Blutdrucks, dem Herzrhythmus, der Atmung u.a.), macht Neti zu einem wichtigen Teil der Yoga-Therapie angefangen bei Hypertonie bis zu Krebserkrankungen. Durch die Übung wird der Trigeminus-Nerv stimuliert, was eine wohltuende Wirkung auf das ganze Gesicht hat, auf müde Augen, nervöses Augenzwinkern und Gesichtsschmerz. Im klassischen Sinne ist Neti eine Vorbereitung für Pranayama; es ist eine dringend notwendige Reinigungsübung, die besonders geeignet für Menschen ist, die in Industriegegenden und stark verschmutzter Umgebung leben. Akkumulierte Giftrückstände werden entfernt, so dass sich diese Gifte nicht erst im System festsetzen.

Besondere Bedeutung hat die Übung bei der Behandlung von Asthma, Sinusitis, Heuschnupfen und Erkältungen. Bei Erkältung kann man einen Tropfen reines Eukalyptus- oder Pfefferminzöl in das Wasser geben – geradezu wie ein Wunder sind all die unerfreulichen Symptome der Erkältung im Nu aufgelöst, ohne den Reinigungsprozess zu unterbrechen, im Gegenteil, er wird erst richtig in Gang gebracht.

Mentalität und Gefühlsschwankungen werden günstig beeinflusst, weil die beiden Nadis oder Nervengänge der vitalen und der pranischen Energie als Wege des Wassers dienen. Bei Angst und Spannung bis hin zu manischen Zuständen kann das Wasser so warm wie möglich sein; während das Wasser bei Depression und Desinteresse kalt sein darf, evtl. auch ohne Salz.

Das ist das yogische Equivalent zur Schock-Therapie, allerdings ohne die unangenehmen Nebenwirkungen. Bei Depression ist die Erleichterung zwar symptomatischer Natur, aber nun ist man in der Lage, selbst etwas zu tun, was unmöglich ist, während man sich in der Depression befindet.

Nauli

Nauli ist das Kreisen des großen Bauchmuskels (Abdominus Rectus Muskel) und ist eine Vorbereitung für Uddiyana Bandha. Die therapeutischen Wirkungen sind enorm und vielseitig, so dass diese Übung mehr Aufmerksamkeit von Yoga-Lehrenden verdient. Magen, Dünndarm, Dickdarm, Leber, Milz, Pankreas, Nieren und Urogenitalsystem erhalten alle eine qualifizierte Massage, die mit keiner äußeren Massage zu vergleichen ist; die großen Muskeln des Bauches, von denen so viel unserer körperlichen Bewegung abhängt, werden angeregt und gestärkt. Die heute sehr häufig werdende Störung des Querdarms – der herabhängende Querdarm oder Prolapse des Querdarms – kann durch Nauli verbessert werden. Es betrifft den Teil des Dickdarms, der sich von der rechten zur linken Seite im Bauchraum befindet, und der allmählich immer tiefer in die Bauchhöhle absackt. Unter diesem Zustand leiden tatsächlich unzählig viele Menschen durch den Lebensstil (sitzende Tätigkeit, zu wenig Bewegung, falsche Ernährung usw.). Den Gefahren, die durch diese Störung den ganzen Organismus betreffen, kann man durch Nauli entgegenwirken.

Wenn der Querdarm absackt, verengen sich zwei Ecken des Darms oder schließen sich ganz, so dass die Abfallstoffe nicht mehr durch den Darm ausgetrieben werden können, was eine Ansammlung von Giftstoffen zur Folge hat. Wenn man den Darm nicht nur als leeren Schlauch betrachtet, sondern versteht, dass von hier die Flüssigkeit aus den Abfallstoffen ins Blut absorbiert wird, kann man sich die Auswirkungen vorstellen. Der Rückdruck, der sich durch diesen Zustand bildet, verursacht einen Blähbauch mit Giftstoffen angefüllt, die ständig ins Blut absorbiert werden. Die Nieren und die Leber, die beiden Organe, die die Körperresistenz Krankheiten gegenüber erhalten, sind in Mitleidenschaft gezogen, ebenso alle Organe in der Bauchhöhle.

Der Akkumulation von Giftstoffen kann man mit Shankhaprakshalana zu Leibe rücken; um aber den Zustand des Darms zu verbessern und zu verhindern, dass diese Störungen überhaupt auftreten, gibt es keine wirkungsvolleren Übungen als Uddiyana und Nauli.

Kunjal

Kunjal Kriya ist eine Übung von der Dhauti-Serie und ist am schnellsten von all den dazugehörigen Übungen erlernt. Man trinkt sechs oder auch mehr Gläser warmes, leicht gesalzenes Wasser und bricht es sofort wieder aus; dies ist eine einzigartige therapeutische und vorbeugende Maßnahme. Die Bauchmuskeln und das Zwerchfell werden stark kontrahiert, der Magen und die Speiseröhre werden gereinigt, und so verbessern sich Störungen der Verdauung und der Atmung. Bei der Behandlung von Asthma, Bronchitis, Unverdaulichkeit und Übersäuerung ist diese Übung absolute Notwendigkeit. Durch die starke Kontraktion wird reichlich Schleim entfernt, was schnell Erleichterung bringt. Der Autor hat eine schwere Bronchiektasie erfolgreich mit dieser Übung heilen können.

Es heißt, dass es nur drei Momente gibt, wenn die mentalen Abläufe natürlich und vollkommen zur Ruhe kommen – während des sexuellen Orgasmus, beim Niesen und beim Brechen. Wenn der Grund der Krankheit eine mentale Spannung ist, wie das z. B. bei Asthma der Fall ist, dann wirkt diese Technik wie ein psycho-physiologischer Kurzschluss, der dem angst-heimgesuchten Patienten eine Ruhepause von den sich kreisenden, immer wiederholenden Selbstquälungen gönnt, was zu einer positiven Orientierung und Einstellung führen kann. Am Anfang haben manche Menschen eine Art psychologischen Block oder eine Barriere, weil das Brechen gern mit negativer sozialer Konditionierung in Verbindung gebracht wird. Nach einiger Übung ist das überwunden und man genießt die Körperfunktionen und erlebt gleichzeitig eine mentale und emotionale Katharsis durch die Energie, die freigeworden ist.

Der Autor macht selbst alle drei Übungen täglich seit nunmehr dreizehn Jahren, und sie werden hier vorgestellt, weil es ziemlich einfach ist, sie in das Alltagsleben miteinzubauen, was notwendig ist, wenn man in einer verschmutzten, leistungsorientierten, zeitbewussten und stressgeplagten Gesellschaft lebt. Neti, Nauli und Kunjal können in weniger als fünfzehn Minuten durchgeführt werden.

Literaturempfehlung

Weiterführende Literatur zum Thema finden Sie unter: www.yoga-anandaverlag.de