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Wissenschaft und Guru

(Auszug aus einem Artikel von Dr. Swami Karmananda Saraswati in Yoga Magazine July 1981)
Yoga Heft Nr. 6

Seit Jahrhunderten fordern sich Wissenschaft und Yoga voller gegenseitiger Achtung heraus, und die Früchte dieses Umwerbens sind beachtlich. Die Wissenschaft hat einen rationalen Einblick in eine Dimension der Gesundheit, die das physische, das mentale und das spirituelle Wohlbefinden umfasst. Die Nebenerscheinungen der technologischen und wissenschaftsorientierten Gesellschaft sind sehr viel versprechend, und in dem Maße, wie die Schleier der Yogageheimnisse nach und nach gelüftet werden, so offenbaren sich auch immer mehr Lösungen für unsere als Epidemie auftretenden sozialen und psychologischen Probleme. Die Wissenschaft entdeckt in ihrer eigenen Sprache und Terminologie, was Yogis seit Jahrtausenden wissen. Man ist heute bereit, die heilende Kraft von Yoga anzuerkennen, die man durch geschichtliche Unfälle einiger Kulturen vergessen hatte, und die somit auch in den verschiedenen geistigen Richtungen nicht mehr zu finden waren. So versucht man heute, durch bestimmte Techniken mit dem eigenen inneren Selbst in Verbindung zu kommen. Es ist somit auch nicht verwunderlich, dass der innere Friede nicht in, sondern außerhalb der Wohlstandsgesellschaft erlangt wird.

So erfreulich sich Wissenschaft und Yoga miteinander verbunden haben, so gibt es doch ein außerordentlich wichtiges Element in Yoga, das von der Wissenschaft weitgehend unentdeckt geblieben ist, und das ist die uralte heilige und erhabene Beziehung zwischen Guru und Jünger. Nur durch diese transzendente Verbindung konnte das yogische Wissen seit undenklichen Zeiten weitervermittelt werden, seit die Rishis, die Weisen und Eingeweihten, die ersten Gurus über diese Erde wandelten. Dies widersetzt sich der rationalen Analyse der Wissenschaftler, die darauf bestehen, dass der frei fließende intellektuelle Wissensfluss eine fundamentale Voraussetzung zur Verbesserung der menschlichen Verhältnisse ist.

Die Unfähigkeit der Wissenschaftler, die Guru/Jünger Beziehung zu verstehen, wirft ein Licht auf den entscheidenden Unterschied in den Werten, die zwischen  den yogischen und den Naturwissenschaften bestehen. Yoga bewahrt den Geist, der der Schöpfung zugrunde liegt, während die Wissenschaft die sichtbaren Erscheinungen erforscht, die Ausdruck der groben Manifestation der Schöpfung sind. Die Wissenschaft versucht, die menschlichen Bedingungen durch Veränderung der materiellen Welt zu erreichen; Yoga dagegen sieht die Lösung der menschlichen Probleme darin, dass der Mensch erkennt, dass er in eine materielle Welt aus zweiter Hand vernarrt ist, und dass er die essentielle, ewige Geistesnatur erkennen muss. Die Essenz der materiellen Welt ist die Vergänglichkeit, die Erschaffung und Zerstörung individueller Formen und Werte. Die Essenz des Geistes dagegen ist ewig und unsterblich, sie ist die Substanz der materiellen Welt, aber sie selbst ist unveränderlich.

Die Wissenschaft ist abhängig vom intellektuellen Wissensfluss und der Diskussion, wobei es weniger wichtig ist, welches Wissen dabei herauskommt. Yogisches Wissen setzt eine persönliche Läuterung von Körper und Geist voraus, bevor der Suchende die Übermittlung empfangen kann. Indem man einem Guru dient, kann diese Läuterung stattfinden, und laut Tradition sind das zwölf Jahre, in denen das Nervensystem des Jüngers so vorbereitet wird, dass er die Energie des erweiterten Bewusstseins verkraften und für die Menschheit sinnvoll anwenden kann. Die Fähigkeiten zur Erweitung des Bewusstseins werden nur dem ernsthaften und treuen Schüler gegeben, und das geschieht durch den lebenden Guru. Deshalb ist Yoga bis heute eine lebendige Tradition gelblieben, während viele andere geistige Richtungen in Dogmas und institutionelle Ideologien abgerutscht sind, bar jeder Essenz einer spirituellen Kraft.

Literaturempfehlung

Weiterführende Literatur zum Thema finden Sie unter: www.yoga-anandaverlag.de