Diese Seite drucken | zurück zur Übersicht
Wenn die Frage nach einem Guru auftaucht
von Swami Satyananda Saraswati, Yoga July 1983
Yoga Heft Nr. 6
Für jeden von uns kommt irgendwann die Zeit, wenn wir von den inneren tieferen Gedankenkräften gezwungen werden, den Sinn unserer Existenz neu zu überdenken. Du überlegst Dir, warum Du geboren wurdest- Was geschieht, wenn Du stirbst? Was ist der Sinn Deines Lebens? Bist Du nur hier, um zu essen, zu schlafen und Dich fortzupflanzen? Dieses Erwachen ist ein sehr bedeutender Schritt im Leben und führt zu einem völlig neuen, niemals endenden Prozess von Entdeckungen. Es ist eine Reise, die, wenn sie einmal begonnen hat, dich immer weiter treibt Und Dich dazu führt, die tiefen Mysterien der Schöpfung zu enthüllen.
Dieses Erwachen sollte nicht verwechselt werden mit religiösen Erwachen oder religiösem Glauben. Religiöses Bewußtsein ist geprägt von Umständen und Situationen, in denen Du lebst. Wenn Du z.B. in einer Hindu-Familie groß geworden bist, so wirst mit den Hindugottheiten vertraut sein. Wenngleich so ein Glauben nützlich sein kann, so hat er doch seine Grenzen und sollte immer als ein Weg und nicht als Ziel Verstanden werden. Hier meine ich jedoch das spirituelle Erwachen. Durch dieses Erwachen wirst du alles um dich herum in Frage stellen, auch Deine Religion.
Wenn das spirituelle Erwachen beginnt, ist es, als wenn sich ein Vorhang hebt, und der nächste Akt sich zeigt. Du erinnerst Dich an die vorherigen Akte, weil das zum Verständnis der ganzen Geschichte notwendig ist, aber das was war, ist nicht mehr so wichtig. Du bist total auf den im Moment spielenden Akt fixiert und denkst Dir: ‘Wenn der Augenblick so aufregend ist, was weist dann im nächsten Akt passieren? Natürlich ist dieses spirituelle Erwachen nur ein Akt von vielen weiteren, und obwohl dieser eine große Bedeutung für das ganze Drama hat, so verliert dich seinen Glanz in dem Moment, wenn der nächste Akt beginnt.
Dies ist eine sehr schwere Zeit, denn Dein ganzes Gleichgewicht gerät durcheinander. Alles, was Du früher geglaubt und wonach du gelebt hast, ist plötzlich nicht mehr die einzige Wahrheit – Du hast aber noch keine neue Basis gefunden. Du bist völlig allein in der Dunkelheit, Du hängst im luftleeren Raum. Viele Menschen finden aus diesem Zustand nie mehr in ihr Gleichgewicht zurück, sie verlieren ihrer Identität und sind unfähig, sich dem Leben zu stellen. Wenn Du in diesem Moment aufhörst, einen Sinn für Dein tägliches Leben und Diene Existenz zu suchen, ist es sehr schwierig, durch dieses Zeit hindurch zu kommen. Du hast noch kein endgültiges Lebensziel, Du weißt nur dass all das, was Du bisher geglaubt hast, nicht mehr die heilige Wahrheit ist; Auf was also kannst Du Dein Denken, Fühlen, Handeln gründen?
Einige Menschen können sich aus so einem Zustand schnell wieder ausbalancieren; sie dringen nicht allzu tief ein und sagen sich: ‘Gut, diese Theorie war bis hierher gut für mich, jetzt spüre ich ein höheres Ziel für mein Leben. Ich muss einen Faden finden, um beides miteinander zu verbinden und mein Leben harmonischer machen.‘
Aber es gibt auch Menschen, die, wenn sie an diesen Punkt kommen, sofort einen Sprung in die Dunkelheit, in den tiefsten Abgrund wagen. Sie sind in der Lage, sich total von dem Vergangenem zu trennen und den Sturz anzunehmen – sie vertrauen darauf, dass sie dem Unendlichen näher kommen, dass es eine Kraft gibt, die sie nach vorn treiben wird. Diese Menschen haben einen festen Entschluss, den Willen und tiefes Vertrauen, dass sie alles, was auf sie zukommt bewältigen werden.
An diesem Punkt taucht die Frage nach dem Guru auf, und sie kommt für jeden Suchenden gleichermaßen, für die, die die hineintauchen, und für die, die lieber an der Oberfläche bleiben. Der Weg ist dunkel und unklar, und es gibt viele Fallen, Du brauchst eine führende Hand, die Dir behilflich ist. In dieser Zeit wirst Du Deinen Guru finden; ganz selten kommt es auch vor, dass der Guru seinen Schüler findet. Du wirst immer den Guru finden, der Deinem Bewusstseinszustand entspricht. Bist du ein ernsthafter Sucher, so wirst Du einen seriösen und ernsthaften Guru finden, der das verkörpert; wenn es Dir um Name und Ruf geht, so wirst Du einen Guru finden, der das verkörpert; wenn Du nach äußerem Glanz suchst, so wird Dein Bedürfnis befriedigt werden. Es ist also nicht nötig, den Guru zu kritisieren, er ist in jedem Fall nur eine Widerspiegelung von Dir selbst. Mit einem Guru kommst Du immer ein Stück weiter in Deinem Bemühen. Er kennt jeden und weiß alles und weiß von allem, was geschieht. Daher ist er in der Lage, Dich gedanklich, körperlich und emotional zu kontrollieren.
Für mich ist mein Guru ein untrennbarer Teil meiner Gedanken, meines Lebens, meines Atems und meines Bewusstseins geworden. Ohne große Anstrengung und ohne, dass ich wusste, was geschah, wurde ich mehr und mehr umgarnt von dieser göttlichen Verbindung. Ich wusste vorher nichts von der Großmut und Unendlichkeit einer Guru-Jünger-Verbindung; wie sie Dein ganzes Sein ausfüllt und die Tiefe Deiner Seele durchdringt. Ich habe mich im Leben immer rational und intellektuell verhalten. Ich habe immer gefragt, gezweifelt und kritisiert, bevor ich etwas akzeptierte. Natürlich brachte mir das eine Menge Konflikte in meinen Gedanken, denn in der Verbindung zum Guru ist kein Platz für Zweifel und Fragen. Es ist eine Verbundenheit, die nur in totalem Vertrauen und völliger Hingabe bestehen kann.
Wie kann man sich in Demut ergeben? Intellektuell kann man viel erklären; aber es ist sehr schwer, sich völlig hinzugeben, immerzu reckt Dein Ego seinen Kopf heraus. In völliger Hingabe musst Du aufhören, als Individuum zu existieren, Du existierst nur noch in Verbindung zu Deinem Guru. Obwohl dies zuerst einmal sehr sklavisch oder unterwürfig erscheinen mag, ist totale Hingabe eine sehr lohnende Erfahrung. Natürlich kannst Du Dich nur Gott oder Deinem Guru hingeben, wenn Du Dich jedem hingeben würdest, dann würdest Du schrecklich ausgebeutet.
Literaturempfehlung
Weiterführende Literatur zum Thema finden Sie unter: www.yoga-anandaverlag.de

