Diese Seite drucken | zurück zur Übersicht

Guru Dakshina

Aus Yogaheft Nr. 21
Von Dharmakeerti aus Bangalore, Yogamagazine Juli 1983

Die Gangafluten schienen in silbernen und blauen Gewändern zu tanzen, während sie sich dem endlosen Ozean entgegen treiben ließen. Alle Begrenzungen schienen von Mutter Ganga abgefallen, sie floss von Stein zu Stein und ihre weiten Gewänder verfingen sich in Baum und Strauch. So, wie Radha vor undenklich langer Zeit beim Ruf der Flöte alles vergaß und nur dem Flötenspieler entgegen flog, ihre fliegenden Haare und ihr zerzaustes Gewand völlig vergaß und nicht einmal die Dornen an ihren Füßen bemerkte, so strömte Ganga zu ihrem Geliebten, dem Ozean – in völliger Hingabe. Der Morgen, der Mittag und der Abend glänzten in den Farben der Sannyasins – die untergehende Sonne verströmte sich in goldenem Orange und entzündete ein Feuer am Himmel und auf dem Fluss. In Orange und Gold wurde ein heiliges Opfer dargebracht, es war, als wenn die Welt in völliger Stille versinken würde.

Ein wandernder Sadhu saß auf einem Hügel, starrte auf die endlose Weite und fühlte sich von einer fremdartigen Kraft durchströmt. Auf diesem Hügel stand einstmals der Palast des legendären Karna, dem Ältesten der Pandavas. (Mahabharata) Er selbst war ein Mahayogi, der Liebling von Shakti, der er jede Nacht Anbetung und Verehrung darbrachte. Wieder einmal sind hier die geweihten Fußspuren Siddhartas, den Buddha zu sehen. Nur wenige wissen heute, dass Munger einst geheiligtes Land war. Ganz in der Nähe lag Ayodha, das Königreich von Rama. Seine geheiligte Erde trägt die Schwingungen von Avataren und Yogis in sich. Und hier saß nun dieser wandernde Sannyasin, um sich auszuruhen; sein Name ist Satyananda.

Als die eigenartige Kraft ihn durchströmte, hatte er eine Offenbarung. Sein Auftrag, seine Mission war nun klar. Er wusste, dass diese Vision ihm eine Begegnung mit Prana, der kosmischen Energie, geschenkt hatte. Prana fließt in Pingala Nadi, dem inneren Ganga.

Die Last des Wissens ruhte schwer auf ihm. Wie eine Mutter, die sich danach sehnt, ihren Kindern alles zu geben, so fühlte er, dass es seine Bestimmung war, hier anzuhalten und auf seine Jünger zu warten. Aus dieser Vision und dem Erkennen des inneren Ganga entstand der Ashram – Ganga Darshan – wo er in den kommenden Jahren Männer und Frauen darin einweihen würde, das Leben voll und total zu leben. Er wusste, dass sie kommen würden; müde ihrer sozialen Identität, mit dem Wunsch nach Macht und Reichtum und doch von allem übersättigt, innerlich leer – sie würden ihn suchen.

Jahre sind seither vergangen. Es war Guru Poornima. Tausende von Anhängern waren gekommen. Sie alle ertrugen mutig die indischen Züge, die Hitze, ihre eigenen Ängste. Einige murrten, wenn der Schweiß an ihren Körpern herunter floss: ‚Warum mache ich das bloß? Was bringen mir diese Strapazen?’ fragte sich manch einer und trinkt kübelweise Wasser. ‚Das Essen ist nicht wie zuhause!’ sagte ein anderer. ‚Ich hasse diese Menschenmengen – ich weiß wirklich nicht, was mich dazu getrieben hat, diesen Trip zu machen!’ sagte ein Dritter.

Am zweiten Tag, als sie dicht gedrängt in er großen Halle beim Satsang saßen, fragte einer der Besucher: ‚Was ist Dakshina?’ Swami Satyananda hob seine Augen und schaute die Menschen an. Es war ein Blick von tiefem Verstehen. Der Fragende spielte auf die Tradition an, dass Jünger und Schüler ihren spirituellen Meister Geld und Sachgeschenkte geben. Er fragte das, was Menschen so oft ihrem Herzen fragen: ‚Warum braucht ein Heiliger materielle Güter?’

Vielleicht erinnerte sich Swamiji in diesem Moment an die Jahre der Freiheit, als er als Parivrajaka, als bettelnder Sannyasin, umherzog, unbehelligt von Dingen wie Organisation oder von Suchenden, die nun täglich zu Hunderten herbeiströmen, jeder mit dem Wunsch, seine Füße zu küssen. Diese Jahre der persönlichen Freiheit hat er aus unendlichem Mitgefühl mit den vielen leidenden Seelen, die er während seiner Wanderzeit gesehen hat, aufgegeben. Genauso wie Buddha die Jahre nach seiner Erleuchtung verbracht hat, so kam auch er, um Trost zu den gepeinigten Herzen zu bringen. Wenn ein Guru das Bewusstsein seiner Jünger transformieren soll, wo kann er das machen? Wie viele von denen, die leiden, können ihre Abhängigkeit von Luxus und Komfort einfach aufgeben und unter Bäumen oder in den Bergen lernen, wie in früheren Zeiten?

Er musste also eine Lösung finden, wenn er helfen wollte. Und da Swamiji die Grenzen der Menschen kennt, baute er einen Ashram, wo sie hinkommen könne, um ein einfaches Leben zu leben. Oft murrten sie oder kritisierten den Mangel an Komfort, aber ganz langsam – so wie eine Blume sich im Frühjahr öffnet – geräuschlos, zart, unsichtbar, kommt er in ihre Herzen und dann… Sie wussten es vorher selbst nicht, doch nun erkannten sie, dass die Abhängigkeit von Luxus und Bequemlichkeit wirklich ihre Grenzen waren. Sie fühlten sich plötzlich wohl mit dem schlichten, einfachen Leben. Und wenn sie wieder gingen, nahmen sie diese Botschaft mit sich, trugen sie zu ihren Familien und Freunden. Ohne es zu wissen, haben sie ein gedankliches Gefängnis aufgebrochen, das ihre Gefühle einsperrte. Sie haben es zurückgelassen und waren nun innerlich freier. Jetzt wussten sie, dass die Gebäude für sie waren und nicht für ihn. Das Grundstück, der Garten, die Druckerei, die Küche – das alles ist für sie und nicht für ihn. Für ihn sind zweit Dhotis und zweit Rotis genug. (Zwei Tücher und zwei Fladenbrote).

‚Dakshina’, sagte er lächelnd, ‚ist die Gabe des Jüngers an den Guru, den inneren Guru. Die materiellen Geschenke sind Symbole von Ahamkara, dem Ego des Jüngers. Das einzige, was den Guru wirklich interessier, ist es,: die begrenzte Identität des Jüngers aufzubrechen, so dass er sie zurücklassen und in die Unendlichkeit des Höchsten hineinwachsen kann. Aber wie viele kennen den Weg?’

Jeder von uns ist von irgendetwas in sich selbst abhängig, von etwas, das uns innere Sicherheit gibt. Aus dieser Abhängigkeit entsteht eine Identität. Sie überdeckt eine Hilflosigkeit, die der menschlichen Natur eigen ist, denn der Verstand, der die Identität sucht, ist begrenzt. Manchmal gibt es Situationen in unserem Leben, wo ein Teil von uns diese Hilflosigkeit scheinbar überwindet, wenn auch  nur auf ganz oberflächlicher Ebene; trotzdem fühlen wir uns für den Moment wieder sicher, haben uns wieder unter Kontrolle. Wir identifizieren uns dann mit der Rolle, die wir spielen, um diese Situation in den Griff zu bekommen. Zum Beispiel die Hilflosigkeit, die sich in dem Augenblick verwandelt, wenn wir aus der Armut zu Wohlstand gelangen; die Begrenzungen, die ein Analphabet erlebt, und dann die Veränderung durch einen Schulabschluss oder die Würde eines Doktortitels.

Dieses Rollenspiel gibt uns zwar zeitweilig ein Gefühl der Sicherheit, die tief in uns ruhende Leere jedoch können wir nicht auflösen. Wir können nicht sehen, dass es nicht die Rolle, sondern ein ganz  bestimmtes, dahinter liegendes Bewusstsein ist, was den Anstoß zu dem Rollenspiel in dieser Situation gab. Bewusstsein ist ebenso begrenzt, wie die Rolle selbst. Meistens wissen wir nicht einmal, wie sehr wir von dieser Identität abhängig sind. Indem wir jedoch dem Guru etwas zu Füßen legen, was rein äußerlich für uns sehr wichtig ist, geben wir ein bisschen von uns selbst zu einer höheren Quelle. Durch das Geben fühlen wir uns innerlich leichter, weniger begrenzt.

Diejenigen, deren Gedanke oder Identität sich um Wohlstand drehen, geben ihm Geld. Wer sich mit dem emotionalen Selbst identifiziert, gibt ihm seine Tränen. Jeder gibt durch den äußeren Akt des Gurupooja sein bisschen von sich selbst.

Und als all die Menschen nach draußen strömten, sprachen sie miteinander. ‚Es war es wirklich wer, diesen weiten Weg hierher gekommen zu sein.’ ‚Die Unbequemlichkeiten sind überhaupt nicht der Rede wert.’ ‚Man wird niemals etwas Schönes schätzen, ohne nicht ein wenig zu leiden.’ Und während der Schweiß an ihren Körpern herunter floss in der irrsinnigen Hitze von Bihar, konnten sie den inneren Schimmer der Schönheit in ihnen nicht wahrnehmen, den ich an ihnen sehen konnte. Sie fühlten sich in anderen Sphären und vergaßen ihre Schwierigkeiten.

Und als ich die Verwandlung dieser Menschen sah, dachte ich für mich: ‚Das größte Guru Dakshina, was heute gegeben wurde, kommt von einem stillen Menschen, der allem entsagt hat und seinen Jüngern die Möglichkeit gibt, die Gefühle der Pooja zu durchleben, der sich ihre Bitten und Klagen anhört, der ihre Tränen fühlt, der ihre Blumen und Münzen ohne Unterscheidung empfängt. Er opferte sich selbst auf dem innersten Altar seiner Jünger – der Göttlichkeit in ihnen - so dass jeder von ihnen beim Fortgehen etwas sehr Kostbares mit sich trug; jeder das, was für ihn richtig war. Und jeder spürte eine große Liebe und Schönheit in sich, so als wenn eine Lampe angezündet worden sei. Viele kannten die Quelle nicht. ‚Rukmini’, sagte Krishna, ‚Ich laufe hinter meinen Jüngern hinterher, auf dass der Staub ihrer Füße mich ‚reinige’.

Literaturempfehlung

Weiterführende Literatur zum Thema finden Sie unter: www.yoga-anandaverlag.de