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Guru als Kraftwerk

Von Swami Satyadharma Saraswati, Yoga Mag. July 1977
Yoga Heft Nr. 6

Der Guru ist die Sonne, die Lebensenergie. Wenn der Schüler der grenzenlosen Energie und Gnade des Gurus gewahr wird, die durch ihn hindurchfließt, wird alles gut werden. Anderseits wird er dunkle Zeiten erleben, wenn die Versorgung schwach ist. Solange man die Energiewellen nicht tatsächlich spüren kann, hat man Schwierigkeiten damit, den Guru als immenses Kraftfeld zu akzeptieren. ER sieht aus wie ein normaler Mensch; er geht, redet und isst wie jeder andere. Was ist er darüber hinaus? Ist er in uns oder außen? Ist er derjenige, der Yoga-Institute gründet, Reisen macht, Vorträge und Satsang hält, oder ist er die Inspiration und Antriebkraft für unsere Seele?

Wenn der Guru einen Jünger annimmt und einweiht, schließt er ihn an das Kraftwerk seines höchsten Bewusstseins an. Es ist ähnlich, wie wenn Elektrizität in ein Haus gelegt wird. Nachdem die Drähte verlegt sind, wird das Haus an ein Relay Station angeschlossen, die die Hochspannung aus dem Kraftwerk auf eine niedrige Spannung transformiert, entweder für Haushalte oder Fabriken usw. Wenn der Schalter am richtigen Platz sitzt und eingeschaltet wird, fließt Elektrizität durch die Leitung und bringt Licht und Strom für Maschinen und Geräte. Im Normalhaushalt bringt dieses neue Energieangebot ungeahnte neue Möglichkeiten. Der ganze Lebensstil und die Wahrnehmung der ganzen Familie werden sich verändern, es eröffnen sich neue Möglichkeiten des Zeitvertreibs und er Zeitersparnis durch Fernseher bis zum Staubsauger. Das neue Licht macht die Nacht zum Tag, und das Leben der Familie nimmt automatisch neue Formen an. Dieser Haushalt wird niemals wieder so sein, wie er war, bevor die Elektrizität kam.

Genauso ist es mit dem Jünger. Wenn er an die Relay Station und an das Kraftwerk des Guru angeschlossen ist, wird sein ganzes Wesen von neuem Licht durchflutet! Das Leben bekommt für ihn eine neue Dimension. Er beginnt Dinge zu sehen, zu verstehen und zu denken, dieser bisher nie wahrgenommen hat. Er wird fähig, Dinge zu tun, die er sich niemals erträumt hätte.

Manche Schüler ändern sich radikal über Nacht; bei anderen geht es langsam. Diese Entwicklung hängt von vielerlei Dingen ab: Von der Art der Leitungen, dem Zustand und der Anlage des Stromkreises, der Größe und der Beschaffenheit der Sicherungen und Schalter, der Gebrauchsfähigkeit und Beschaffenheit der Geräte. Manche Schüler haben vielleicht eine gewöhnliche Leitung, während andere vielleicht eine Industrieleitung mit zehnmal so viel Kapazität haben. Manche sind mit staken Kupferdraht ausgestattet, andere sind aus schwachem Draht. Der eine Schüler mag alte, schwache Sicherungen mit dünnen Leitungen haben, die nur Schwachstrom ohne Schwankungen leiten können; andere haben große Sicherungen für Starkstrom, Manche Schüler haben nur schwache Glühbirnen aus dem nächst Besten Laden, während andere Leuchtröhren mit allen Schikanen haben. Aber im Laufe der Zeit wird der Guru viel verändern. Wenn die Energie zwischen Guru und Jünger fließt, wird eine innere Transformation stattfinden, ohne dass der Schüler davon merkt. Selbst sehr träge und nicht sehr viel versprechende Schüler werden unter Strom gesetzt; die alten Sicherungen werden durch neue und stärkere ersetzt. Manche bekommen sogar dickere Leitungen. Es werden praktische Zusatzteile angebracht, und bevor man sich versieht, ist aus dem unscheinbaren Novizen ein leuchtendes Yoga-Vorbild geworden.

Diese Energiespritze eröffnet viele neue Interessen; kreative Ideen Beginnen zu sprießen und für den Jünger entsteht ein neues Einverständnis zwischen sich und er Welt. Lang anstehende Probleme, gesundheitliche und psychische wie Asthma, Bluthochdruck, Depression usw. lösen sich auf und sind vergessen, als ob sie niemals existiert hätten. Die Verbindung zum Guru, man kann auch sagen der Kraftstrom, wird das einzig Wichtige im Leben des Jüngers. Alles im Leben kann man verlieren oder kann zerstört werden, selbst der Körper und der Geist, aber das, was ihn mit dem Guru verbindet, muss erhalten, vertieft und gestärkt werden. Das ist das Leben eines Jüngers.

Durch diese Leitung erhöht er die Energie, genauso wie der Fötus seine Nahrung durch die Nabelschnur bekommt. Wenn die Nabelschnur blockiert oder undicht ist, muss der Fötus sterben, bevor er geboren ist. So wird auch der Jünger sterben, wenn irgendetwas mit der Guru-Jünger-Verbindung passiert; natürlich nicht körperlich oder mental, sondern spirituell. Deshalb wird sich das ganze Leben des Jüngers einzig und allein um die Verbindung zum Guru zentrieren. Er lebt, arbeitet, betet und ist zusammen mit dem Guru von dieser Minute zur nächsten, getragen von der Kraft dieser Leitung, und durch seine eigene Fähigkeit, begrenzte oder unbegrenzte Energiemengen und Führung durch diese Leitung aufzunehmen.

Ein Guru ist sicherlich eine geheimnisvolle Kraft. Manche sagen, er ist Gott. Für andere ist er dies absolut nicht, sondern ein Führer, ein Licht in der Dunkelheit. Für den Jünger sind diese Konzepte ohne Bedeutung. Der Guru ist das Kraftwerk, dessen Größe über allen Vorstellungen und Konzepten liegt.

Ein Guru ist auch der innere Elektriker, der alle losen oder kaputten Leitungen befestigt; er ist die direkte Macht, die alles überwacht, manches erläutert, Anweisungen gibt und durch andere Lehren erteilt. Sehr oft kann man während des Schlafes oder bei der täglichen  Arbeit die leite Stimme des Gurus hören. Es ist ein einziges Wunder, wie man von jemand, den man kaum kennt und nur selten sieht, so viel erhalten kann. Wie ist es für ein einziges Bewußtsein möglich, überall gleichzeitig zu sein, ohne Pause und gleichermaßen an so unendlich viele Menschen in der ganzen Welt so viel zu geben. Viele Swamis und Besucher, die von weither zum Ashram kommen, z.B. von Australien, Südamerika und Europa, sagen, dass sie die Anwesenheit des Gurus in der Ferne stärker fühlen, als wenn sie in Monghyr leben!

Der wahrhaftige Jünger legt alles zu Füßen seines Gurus .- seine Gefühle sein Hirn, seinen Intellekt, seine guten und schlechten Taten, sein Ego, seine Eitelkeit, seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, seine Sicherheit, seine Ängste, seine Leidenschaften, nichts gehört ihm, er gibt alles seinem Guru – er ist leer wie ein Bambusrohr. Und wenn er vollkommen leer ist, dann wird er mit Musik gefüllt werden.

Literaturempfehlung

Weiterführende Literatur zum Thema finden Sie unter: www.yoga-anandaverlag.de