Diese Seite drucken | zurück zur Übersicht
Alpha und Omega ist in Yoga der GURU!
Warum einen Guru?
Yoga Heft Nr. 17
Für die meisten Menschen ist der Guru eine absolute Notwendigkeit. Natürlich hat es einige wenige Menschen in der Geschichte gegeben, die keinen Guru hatten, z.B. Ramana Maharshi. Aber wir sind nicht Ramana Maharshi; wir sind unvollkommen, unser Gemüt, unser Körper, unsere Sinne sind verwirrt. So viele verschiedene Wege liegen vor uns, und wir können uns nicht entscheiden, welchen wir gehen sollen. Wir brauchen einen Verkehrspolizist, der uns sagt: 'Geh hier lang. Nun etwas langsamer. Halt! Nun gehe weiter.'
Oft geschieht es, dass Menschen aus Büchern lernen, wie man Siddhis (übernatürliche Kräfte) erlangen kann, dazu üben sie verschiedene Yogaformen. Sie üben so lange, bis sie irgendein Erlebnis haben. So lange dieses angenehm ist, üben sie noch immer weiter; wenn aber irgendetwas Schreckliches passiert, oder auch etwas Angenehmes, was sie nicht verstehen, dann hören sie mit Yoga auf.
Menschen, die behaupten, dass sie sich selbst gut kennen, denken, dass sie keinen Guru brauchen, aber dem ist nicht so. In deiner Schulzeit hast du Schulbücher gehabt, und trotzdem brauchtest du einen Lehrer, der dir die Dinge erklärte. Du magst sogar in der Lage sein, dir dein eigenes Sadhana zu geben, deinen selbst gestrickten Yoga zu machen; wenn du jedoch im spirituellen Leben weiterwanderst, wirst du eines Tages nicht mehr vorankommen. Wenn du an diesem Punkt bist, bist du gut beraten, wenn du dich einweihen lässt und Anweisungen vom Guru entgegennimmst. So wirst du dir gemäß weiter fortschreiten, und der Guru wird dein Licht.
Das Wort Guru bedeutet 'Vertreiber der Dunkelheit', was nicht die Dunkelheit der Nacht bedeutet, sondern die Dunkelheit deiner Seele. Ignoranz ist Dunkelheit, und der Guru repräsentiert das Licht, was die Dunkelheit vertreibt. Natürlich ist das Licht bereits in uns, es ist jedoch nur eine winzig kleine Flamme, die Brennmaterial braucht, um hell zu leuchten. Wir brauchen deshalb das äußere Licht, den Guru.
Um deinen Guru zu finden, musst du dich auf die Suche begeben oder aber auf den richtigen Moment warten. Manche machen einen Berg, ein Foto oder eine Statue zu ihrem Guru, aber im Allgemeinen ist es einfacher, die Verbindung zu einem Guru in physischer Form zu haben. Trotzdem ist ein wahrer Guru nicht im körperlichen Sinne zu verstehen. Wenn du die Notwendigkeit erkennst, wirst du nach jemandem suchen, der dir innere Führung gibt, dich mit deinem inneren Selbst in Verbindung bringt. Für das oberflächliche weltliche Leben brauchen wir keinen Guru.
Jage nicht nach einem großen Guru. Ein Jünger sollte sich gut prüfen, um zu wissen, wo er steht, und danach richtet sich die Wahl des Gurus. Wenn ein kleiner Junge der Grundschule Unterricht von einem berühmten Universitäts-Professor erhalten möchte, wird ihn der Professor nichts lehren können, und der Junge wird von dem Wissen nichts aufnehmen können.
Nach der Einweihung wird dein Guru dir irgendeine kleine Übung geben, die regelmäßig ausgeführt werden muss. Diese Regelmäßigkeit ist das Fundament für den höheren Yoga. Es ist möglich, dass der Guru dich auffordert, ein Mantra nur fünf oder zehn Minuten täglich zu praktizieren. Zuerst mag das viel zu wenig erscheinen, aber der Test liegt in dem Festhalten an der Übung. Viele Schüler verbringen Stunden in nutzlosen Gesprächen und nutzloser Arbeit, aber sie jammern und haben ihre Schwierigkeiten damit, jeden Morgen oder jeden Abend fünf Minuten ein Mantra, Pranayama oder einige einfache Asanas zu praktizieren. Regelmäßigkeit im Leben eines Jüngers ist sein Sadhana, ja dies allein ist spirituelles Training.
Durch die Einweihung akzeptieren wir das Leben eines Jüngers. Jeder Jünger, ob er im weltlichen Leben steht oder Sannyasin ist, muss sich vollkommen der Mission des Gurus und seinem Ganzwerden hingeben. Aus diesem Grunde sollte der Jünger so oft wie möglich dem Guru nahe sein. Wenn du bei deinem Guru oder im Ashram lebst, ist der Guru in der Lage, dich zu prüfen und dir zu zeigen, was er von dir erwartet. Mag sein, er verlangt von dir, nur wenige Stunden zu schlafen oder nur eine kleine salzlose Mahlzeit am Tage zu dir zu nehmen. Mag sein, er lässt dich in brütender Hitze hart arbeiten. Dies alles geschieht, um deine Ernsthaftigkeit zu testen. Es ist ein Zeichen dafür, dass er sich bemüht, dich der Unendlichkeit näher zu bringen.
Oft sind Jünger verwirrt und glauben, der Guru würde sie bestrafen oder ignorieren oder sich nicht um sie kümmern. Das ist aber nicht so. In dem Moment, wenn du deinen Guru akzeptierst, kennt er dich. Aber wie tief, wie ernsthaft suchst du wirklich nach dem spirituellen Weg, nach seiner Führung? Um dich anzustoßen, greift der Guru nach allen möglichen Mitteln, die dir manchmal als sehr hart erscheinen mögen.
Das disziplinierte Leben wird für den ernsthaften, korrekt denkenden Jünger greifbar, für den, der nach dem Weg des Lichts sucht. Jede Methode, die der Guru anwendet, ist ihm recht, auch wenn sie strikt und hart ist. Ein Jünger, der das alles missversteht, wird sich sagen: 'Oh, ich habe mir den falschen Guru ausgesucht. Er mag mich nicht, er will mich strafen.' Aber sei sicher, dass es keinen falschen Guru gibt, denn alles liegt in dir selber. Die Verbindung zu deinem Guru stützt sich auf dein eigenes Vertrauen und deine Überzeugung. Je mehr du das Vertrauen in deinen Guru vertiefst, umso mehr wächst es in dir selber.
Viele Menschen wehren sich gegen einen Guru, weil sie Angst davor haben, sich auszuliefern. Indem du dich auslieferst, verlierst du jedoch nichts und gewinnst alles. Zu Anfang hast du vielleicht das Gefühl, dass du an ihn gefesselt bist, aber das ist nur eine kurze Zeit der Kontrolle und Einschränkung in deinem Leben, die sehr wichtig ist. Wenn du dich deinem Guru einmal ganz und gar ergeben hast, dann wirst du frei wie ein Vogel, du kannst überallhin fliegen und tun, was du möchtest. Habe also keine Angst vor der Auslieferung; überwinde dich selbst und entdecke die Unendlichkeit.
Werde demütig und öffne dich wie ein Fluss, dann wirst du keine Wahl haben und dem Meer entgegen fließen. Du wirst so fließen, wie es für dich richtig ist, durch den Urwald, durch Berge oder Felsen. Der Weg des Flusses mag zu Beginn eng erscheinen, aber schließlich mündet er im klaren, offenen Meer.
Die Guru/Jüngerschaft ist nicht nur für heute und morgen oder für dieses Leben allein. Sie setzt sich immer fort, denn du hast dich nicht an einem einzigen Tag entwickelt. Egal, wie schrecklich du dich in deinen Lehrjahren benommen hast, immer wirst du für deinen Guru der Jünger bleiben. Auch wenn du selber Guru von Tausenden wirst, immer wird dein Guru derjenige sein, der dich führt. Das solltest du niemals vergessen. Zu bestimmten Zeiten kann es durch deine Ignoranz geschehen, dass Wolken deinen Sonnenhimmel verdecken. Wenn die Wolken der Ignoranz, der Schwäche oder dummer Gedanken dein Bewusstsein trüben, kannst du nicht standhaft und korrekt bleiben. Ein einziger Fehler kann dich vollkommen in die Tiefe ziehen, und es ist schwer, aus diesem Abgrund wieder heraus zu kommen. In diesem Moment brauchst du die Hilfe des Gurus. Frage deinen Guru nicht zu früh um Hilfe - es ist der größte Schatz, den du in deinem Leben hast.
Jeder braucht einen Guru. Er kann verrufen sein oder ein Heiliger, aber der Jünger wird ihn immer lieben und an ihn glauben. Sein Guru ist sein Leben. Er mag hässlich oder schön sein, freundlich oder beleidigend - er ist dein Guru. Ohne Guru gibt es keinen Weg. Es ist nicht notwendig, dass der Guru dich Kriya Yoga oder Tantra lehrt. Wenn er dich als Jünger angenommen hat, ist das allein das Licht. Hierdurch allein wirst du wachsen und das Ziel erreichen.
Es gibt keinen Zweifel! Du kannst es versuchen, aber ohne Guru ist das Leben unvollkommen. Um Lebenserfüllung zu finden, braucht dein Herz oder dein Geist eine andere Basis, und diese Basis ist Guru und Jünger. Diese Verbindung geht über alle physischen, emotionalen und mentalen Ebenen hinaus. Es hat nichts mit der Liebe zu tun, die du jemals für irgendjemanden gefühlt hast. Diese Verbindung ist unaussprechlich tief und transzendent.
Guru und Jünger sind wie eine Seele, die in zwei Körpern lebt. Auf spiritueller Ebene ist man sich des anderen immerzu bewusst. Die äußere Kommunikation ist dann nicht mehr so wichtig, die physische Anwesenheit ist für den Jünger nicht mehr notwendig. Er trägt den Geist des Gurus in sich, der die dunklen Ecken seines Wesens erleuchtet. Was gibt es da noch mit ihm zu sprechen?
Der große Dichter und Heilige Kabir sagt: "Wenn dein Geliebter in einem anderen Land lebt, dann schreibe ihm einen Brief. Aber wenn er in dir lebt, dann gibt es keinen Wunsch, keine Frage danach, zusammen sein zu wollen. Wo immer wir sind, wir sind uns immer nahe."
Literaturempfehlung
Weiterführende Literatur zum Thema finden Sie unter: www.yoga-anandaverlag.de

