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Der Sinn vom Ashramleben

(Aus: YOGA 16)
Rocklyn Ashram, Australien. 30. Januar 1984
(Auszug aus 'Teachings of Swami Satyananda Saraswati Vol.V)

Yoga hat sich auf der ganzen Welt ausgebreitet. Wir haben nahezu überall Ashrams, auf jedem Kontinent, in jedem Land: In Südamerika mit dem Hauptsitz in Kolumbien, in den USA mit Hauptsitz in San Francisco, in England mit Hauptsitz in London. Überall in Europa dehnen sich unsere Ashrams aus, in Frankreich, Holland, Belgien, Norwegen, Schweden, Dänemark, Finnland, Spanien, Italien, Griechenland, Deutschland, Schweiz. Es gibt eine Yoga-Bewegung in der Tschechoslowakei, in Polen, in Rumänien, in Bulgarien und in Ungarn und etwas mehr im Untergrund auch in Russland. In Jugoslawien nimmt die Yoga-Bewegung rapide zu. Der Enthusiasmus, das Interesse und der Wissensdrang sind groß, ob es nun von ganz gewöhnlichen Arbeitern ausgeht, oder von Wissenschaftlern oder von den Verantwortlichen in Krankenhäusern und therapeutischen Einrichtungen.
In Asien haben wir Satyananda Ashrams in Indien, Nepal, Singapur, Japan, Hong Kong und Australien. Sechsundzwanzig Ashrams sind allein in Australien und Neuseeland, mit Hauptsitz in Mangrove Mountain.  Die Ashrams in Indien und Nepal haben ihren Hauptsitz in Munger.

Arbeit, härter als normal

So ist ein Netz von Ashrams über den ganzen Globus gesponnen. Außerdem haben wir viele Yogaschulen, in denen unsere Schüler und Anhänger privaten Yogaunterricht erteilen, aber Ashrams sind etwas anderes als Yogaschulen. Ich benutze das Wort Ashram, um einer ganz besonderen Idee Ausdruck zu verleihen: Wir arbeiten hier gleichermaßen physisch, mental, intellektuell und emotional; nur selten kann man all das gleichzeitig an irgendeinem anderen Ort leben.
Im Ashram herrscht ein Lebensstil, der sich vom normalen Leben zuhause gänzlich unterscheidet. Das Leben dort muss anders sein und dem Aspiranten Möglichkeiten geben, einfacher zu leben und härter, nicht weniger zu arbeiten, härter, als er jemals vorher gearbeitet hat.
Ashram ist ein Sanskritwort und bedeutet Anstrengung, Arbeit. Harte körperliche Arbeit in der Küche, im Garten, auf dem Bau, beim Putzen, in der Ashramleitung. Die praktische Arbeit im Ashram ist nach außen gerichtete, harte Arbeit. Das ist ein Teil des Ashramlebens.
Gleichzeitig wird nach innen hin hart gearbeitet, das ist die spirituelle Arbeit. Du versuchst, einen Weg zu finden, und du hast dir selbst eine große Aufgabe gestellt. Es ist kein flacher, gerader, ebener Weg. Du gehst über Berge und Felder, durch Täler und viele undurchdringliche Gebiete. Du musst dich den verschiedensten Aspekten deiner Persönlichkeit stellen, und das erfordert ebenso harte Arbeit. Sich zu konzentrieren, ist eine ungeheuer harte Arbeit. Und das ist ebenso Ashramleben.
Meditation ist innere Arbeit, dazu gehört auch Kriya Yoga. Aus diesem Grunde bevorzuge ich das Wort Ashram und nicht Yoga-Akademie, Yoga-Schule oder irgendetwas anderes, weil ich damit klarstellen möchte, dass man hierher kommt, um hart zu arbeiten. Je härter man arbeitet, umso höher ist der Grad der Entspannung.
Wenn du zur Faulheit neigst, dann ist der Entspannungsgrad nicht sehr hoch. Wenn du körperlich, mental und spirituell hart arbeitest, auf der äußeren wie auf der inneren Ebene ein harter Arbeiter bist, dann wird die Qualität der Entspannung sehr hoch sein. Das solltest du nicht vergessen. Aus diesem Grunde haben wir ein Ashram-Netzwerk auf der ganzen Welt geschaffen.

Dem Leben einen neuen Aufschwung geben

Jeder sollte einige Zeit im Jahr in einem Ashram verbringen, um körperliche, mentale und intellektuelle Energien zum Ausdruck bringen zu können, Dinge zu erschaffen - Gemüse und Früchte zu ziehen, Häuser, Straßen und Räume zu bauen. Du musst etwas erschaffen, so dass du neue Gedanken bekommst, Entdeckungen machst.
Im Moment glauben noch viele von euch, dass das Leben in der Familie zwangsläufig mit Verhaftungen gekoppelt ist und die sich daraus ergebenden Konsequenzen wie Hass und Liebe, Bindung und Loslassen ein Teil vom Familienleben sind. Du bist dem Auf und Ab der Gefühle in Verbindung mit den Interaktionen deiner Familienangehörigen und Freunde unterworfen, es fällt dir schwer, die Qualität deiner Erfahrungen zu verändern. Du möchtest sie verändern, aber es fällt sehr schwer.
Wenn sich in der Familie oder in der Gesellschaft irgendetwas gegen dich richtet, dann bist du schockiert und unglücklich und weißt nicht, wie du damit umgehen kannst. Das Leben im Ashram, die harte Arbeit für den Ashram, das Erschaffen von etwas, das gibt dir eine neue Einstellung für das Zusammenleben mit deinen Angehörigen und Freunden, hier und dort. Das Ashramleben lässt dich etwas Neues entdecken, und du wirst mit neuen Ideen die Probleme im Alltagsleben lösen.

Der Unterschied zwischen Ashram und Yogaschule

Das was dich früher vollkommen durcheinander gebracht hat, wird dich nun nicht mehr stören. Auch wenn du alle möglichen Yoga-Arten von den Swamis gelernt hast, rate ich jedem, von Zeit zu Zeit im Ashram zu leben. Mag sein, du sagst mir: Ich habe Hatha Yoga, Meditation, Yoga Nidra und andere Yogaformen gelernt, und ich kann das allein zuhause machen. Im Ashram lerne ich nur über mein inneres Selbst, über höhere Wahrnehmung und nichts weiter, und das weiß ich alles schon.
Nein, das ist nicht der einzige Sinn des Ashrams; das ist das Ziel von Yogaschulen. In einer Yogaschule kannst du Hatha Yoga, Raja Yoga, Laya Yoga, diesen und jenen Yoga theoretisch und praktisch lernen. Eine Yogaschule kann dir nicht mehr als akademisches Training geben, aber ein Ashram wird dir ein Training geben, das die tieferen Ebenen deiner Persönlichkeit beeinflusst.

Eindrücke sammeln

Die tieferen Persönlichkeitsebenen führen zum Unbewussten, von dem du nichts weißt. Wenn du eine schöne Blume betrachtest, dann weißt, erfährst und verstehst du das; du bist dir des Einflusses bewusst, den dieser Eindruck in dir hinterlässt. So viele Dinge im Leben beeinflussen dich, von denen du normalerweise nichts weißt.
Diese Eindrücke berühren nicht unbedingt dein Wachbewusstsein. Oft gehen sie direkt ins Unbewusste oder ins Unterbewusste. Aber auch jeder Eindruck, der durch das Wachbewusstsein aufgenommen wird, geht weiter ins Unterbewusste und schließlich ins Unbewusste, und jeder dieser Eindrücke hat eine Form.
Schau auf eine Blume, auf die Wolken, Bäume, Regen, Licht, unschöne, abstoßende oder schöne Dinge, und du wirst spüren, dass sie Vibrationen erzeugen. Sie stehen in Verbindung zu deinen Gedanken, deinem Verstehen und kreieren einen Eindruck. Das sind die so genannten Samskaras, die Samen.
Diese Eindrücke fließen mit dir durch dein ganzes Leben und du nimmst sie gleichzeitig  in verschiedenen Bewusstseinsbereichen auf, nicht nur in einem einzigen. Deshalb betrachten wir das menschliche Bewusstsein als so kompliziert. Im Bewusstsein liegt eine Videokamera, die vom Tage deiner Zeugung an ununterbrochen eingeschaltet ist, und das wird so bleiben, bis du im Grab liegst. Alles, aber auch alles wird dort aufgezeichnet.

Die Summe deiner Erfahrungen

Nicht ein einziger Einfluss, nicht eine einzige Einprägung geht verloren. Auf verschiedenen Ebenen wird alles festgehalten. Einige von diesen durch bestimmte Ereignisse eingeprägten Eindrücken kannst du durch Selbstanalyse, durch Psychoanalyse, durch intellektuelle Analyse und religiöse Analyse heraufholen. Aber es gibt auch solche, die durch keine Analyse und auch nicht durch Verstehen oder Unterscheidungskraft heraufgeholt werden können.
Du magst sie begreifen, aber du kannst sie nicht an die Oberfläche bringen, weil sie im Unbewussten liegen, in dem Vorratslager für Karma. In diesem Vorratsraum befinden sich Billionen dieser Samskaras, die dort mit absoluter Genauigkeit aufbewahrt werden. Er ist vergleichbar mit einem Computer, wo alles auf einer Diskette gespeichert wird.
So eine Diskette, eine mikroskopisch kleine Floppy disc hast du in dir; sie hat keine Form, und das ist das Schöne daran. Sie hat keine Form, kein Gewicht, keine Dimension. Sie ist da und zeigt sich im Traum. Sie zeigt sich in Momenten des Ungleichgewichts, bei Gefühlsausbrüchen und während der Meditation. Sie zeigt sich, wenn du ärgerlich und zornig bist, voller Gewalt, leidenschaftlich oder auch ruhig.
Diese Millionen, Billionen, Trillionen von Samskaras sind zwar formlos, trotzdem ist jeder Same vom anderen verschieden und jeder hat eine Verbindung zu irgendeinem Ereignis in deinem Leben. Stell dir nur vor, wie viel tausend und abertausend Ereignisse in deinem täglichen Leben durch dein Bewusstsein gleiten.
Alles, was wir vom ersten Lebenstag an bis heute (dreißig, vierzig, fünfzig Jahre) erlebt und aufgenommen haben, ist dort gespeichert, nichts wird zerstört. Manchmal kommt etwas in Form von Erinnerung zum Vorschein. Wo kommt es her? Es liegt in dir, und du hast die Fähigkeit, es hochzubringen.
Alle diese Samskaras, diese Eindrücke, die du Tag und Nacht bewusst und unbewusst aufnimmst, sind Teile deiner Persönlichkeit. Es ist das, was du bist. Du bist nicht nur Körper, nein! Du bestehst nicht nur aus Gewohnheiten, sondern da ist noch viel mehr. Die Persönlichkeit, die Komposition all dieser Eindrücke, die ein Individuum vom Moment der Zeugung bis zum Tod, vielleicht noch davor und danach, hat - wie willst du diese Gesamtsumme der Erfahrungen bewältigen?
Viele Jahre habe ich darüber nachgedacht und kam zu der Überzeugung, dass Ashramleben dir dabei helfen kann, mit diesen bekannten und unbekannten Erfahrungsbereichen umzugehen. Und so empfehle ich dir, eine Woche, drei Monate, sechs Monate, ein Jahr, drei Jahre oder auch ein ganzes Leben im Ashram zu verbringen, die Länge der Zeit hängt von deinen Lebensumständen ab.
Wenn du im Ashram bleiben möchtest, kannst du deine Haare scheren und Gherutücher tragen und dein Leben neu beginnen. Ganz sicher wirst du entdecken, dass sich das Zusammenleben mit den Menschen um dich herum verändert.

Wir sind alle eins

Ich möchte mit einer schönen Geschichte schließen. Als die Frau eines Farmers starb, bat er einen Priester, Sutras und Mantras für ihr Wohlergehen im Jenseits zu rezitieren. Der Priester kam und begann zu beten. Der Farmer fragte ihn, ob er auch ausschließlich für seine Frau bete, worauf der Priester antwortete: 'Ich bete für sie genauso wie für alle Lebewesen.' 'Aber ich bat dich, ausschließlich für sie zu beten. Warum betest du für alle?'
Der Priester erklärte ihm folgendes: 'Es ist mein Dharma, meine Pflicht, für alle Wesen zu beten, lebende und nicht lebende, und deine Frau ist eine von diesen.' Der Farmer bat nun den Priester, eine Ausnahme zu machen. Er sagte: 'Ich möchte nicht, dass du für meinen Nachbarn betest, er ist ein Gauner. Wenn du für alle betest, betest du auch für ihn, und das will ich nicht.'
So leben wir unser Leben, aber das sollten wir ändern, denn das ganze Universum gehört zusammen, ist durch einen Faden verbunden. Dieser Faden ist in dir und in jedem anderen. Um das wirklich zu erfahren, sollte man einige Zeit im Ashram leben. Wenn du von dieser Ganzheit, dieser Einheit ein wenig erfahren hast und nachhause zurückkehrst, wird deine Lebenseinstellung eine andere sein und wird dich selbst in den schwierigsten Lebenssituationen leiten.