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Ashram Leben
(Aus: YOGA 21)
(Auszüge aus Vorträgen, die Paramahamsa Satyananda im Jahre 1982 gehalten hat)
Ashrams hat es seit tausenden von Jahren überall auf der Welt gegeben. Es gab sie im alten Indien, in China und in Griechenland. Die Gemeinschaften der Essener existierten in Israel schon vor Christi Geburt; sie basierten auf der alten Ashram-Tradition.
Ein Ashram ist ein Ort, wo Menschen jeder Lebensstufe hinkommen können und einige Zeit dort leben, ohne sich an weltliche Dinge zu klammern. Es gibt keinerlei Einschränkungen, weder wegen Religion, Hautfarbe, Geschlecht noch Status. Früher lebten Könige und Bauern zusammen in einem Ashram, und so ein Leben fördert die Kooperation, die Koordination und Harmonie.
Das Essen ist anders, als wir es in unserem Alltagsleben gewohnt sind; es ist einfach und hilft uns, den physischen Körper zu reinigen. Heutzutage wird ein Ashram oft als eine Art Klinik, ein Therapiezentrum oder ein Bildungsinstitut missverstanden, aber es ist nichts von alledem. Das Wort Ashram entspringt der Sanskritwurzel shram; es bedeutet, harte Arbeit. Ein Ashram ist demnach ein Platz, wo wir hart arbeiten sollten. Aus diesem Grunde nannte Buddha seine Jünger Shramaneras - Arbeiter. Ein Ashram ist ein Arbeitsplatz, wo wir ohne jegliches Motiv körperlich hart arbeiten; dadurch können negative und unkontrollierte Energien in positive umgelenkt werden. Der Sinn eines Ashrams liegt in der Beschleunigung der spirituellen Evolution.
Ein Ashram sollte sich selbst versorgen, z.B. durch Gemüseanbau oder durch Kunsthandwerk, je nach den Fähigkeiten der Menschen, die dort zusammenleben und nach den örtlichen Bedingungen. In tibetischen Gompas (Ashrams) stellten die Mönche handgemachtes Papier her und kopierten darauf alte Schriften. Sie stellten auch Tankas her - große symbolische Bilder -, die sie dann gegen Kartoffeln und Butter eintauschten. So konnten sich die Ashrams selbst erhalten. Vor Jahren wanderte ich zum Mount Kailash in Tibet, was damals noch nicht zu China gehörte. Eine Nacht verbrachte ich in einem Gompa. Das Leben dort ist unvorstellbar. Der Platz ist so isoliert, dass kaum eine Nachricht aus der Welt jemals dort ankommt; das Klima ist so rau, dass nichts wachsen kann; die nächste Einkaufsmöglichkeit ist vielleicht fünf Tage entfernt. Aber welch wunderbare Bibliothek hatten sie in dem kleinen Ashram! Tausende von Manuskripten befanden sich darinnen, jedes einzelne in hölzerner Verpackung und in Seidentücher gewickelt. Die Bibliothek erstrahlte im Kerzenlicht, und die Lamas putzten täglich die ganze Bibliothek von oben bis unten; die übrige Zeit verbrachten sie mit Lesen und Studieren der Schriften. So sah das Ashramleben dort aus, aber es muss nicht überall so sein.
Meiner Meinung nach sollten die Ashrambewohner Landwirtschaft betreiben. Das hilft sowohl dem Individuum wie auch der Gesellschaft. Die Gesellschaft gewinnt, weil sie organisch gewachsenes Gemüse bekommt; das Individuum gewinnt, weil man in der frischen Luft lebt und mit der Natur arbeitet. Wenn man die Berührung mit Erde, Wasser, Luft und Sonne hat, fällt es einem leicht, die biologische Ursache von gedanklichen Unreinheiten zu eliminieren.
Ein Ashram sollte schwer zu erreichen sein und viele Schwierigkeiten sollten dort warten, z.B. Stürme, Überflutungen, extreme Hitze und extreme Kälte. Manchmal sollte das Leben dort angenehm sein, und manchmal schwer zu ertragen. Ein Ashram ist ein Ort, wo Körper und Geist bis aufs äußerste getestet werden. Das jedenfalls ist meine Vorstellung eines Ashrams.
Das Leben im Ashram wird dir in gewisser Weise ein Gefühl für körperliche Sicherheit geben, aber andererseits bringt es auch alle Elemente der Unsicherheit mit sich, die wir in uns tragen. Du solltest also keine Sicherheit erwarten; Unsicherheit ist die Realität des Lebens; man sollte lernen, damit umzugehen. Kein sensibler Mensch wird in einen Ashram kommen und Komfort erwarten, weil er dort einfach nicht existiert. Komme mit unbelastetem und freiem Kopf und Herz und begegne dir selbst. Dann wirst du dich eines Tages selbst finden.
Ein Ashram sollte nicht zu groß sein, er braucht keine tausend Hektar Land und keine Millionen auf der Bank, er braucht keine Regierungsangehörigen und Titelträger im Direktorium. Es sollten zehn, zwanzig oder dreißig Räume da sein, eine einfache Küche, um die körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen, ein Platz, wo du deine Kleidung aufbewahren kannst und einer, wo du nachts schläfst. Das ist alles, was notwendig ist.
Ein Ashram ist ein Symbol, ein Ausdruck für das, was in deinem Herzen und in deinen Gedanken geschieht. Das Ashramleben sollte dich in jedem Moment deines Hier seins an die Erleuchtung erinnern. Während du die Kühe hütest, schreinerst, das Gemüse schneidest und kochst, die Buchhaltung machst, nach den Kranken schaust oder die Fußböden reinigst, solltest du die Schönheit und Glorie des Lebens sehen. In einem Ashram sollte es vom Morgengrauen bis zum Abend wie in einem Bienenstock zugehen.
"Papa, ich habe einen Zitronenfalter in unserem Garten gesehen!" "Nein, mein Sohn, ich glaube, es war ein Orangenfalter." (Prof. Dr. F.J. Schmitt)
Literaturempfehlung
Weiterführende Literatur zum Thema finden Sie unter: www.yoga-anandaverlag.de

