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Kali Asana

(aus Yogaheft Nr. 10)

Die yogische Geburtshaltung

Zweifellos ist die Hockhaltung die beste Haltung für die letzte Phase während der Geburt; diese Haltung wird auch heute noch von Frauen archaischer Kulturen als Geburtshaltung bevorzugt. Das trifft auch für indische Frauen zu, die auf dem Dorf leben. In Tantra kennt man diese Haltung als 'Kali Asana', weil sich hier die Shakti­kraft zeigen und kraftvoll zum Ausdruck bringen kann. Eine Frau, die in dieser Haltung die letzten Wehen verarbeitet, wird dies mit größter Wirksamkeit, Kraft und Kontrolle mit jeder Gebärmutterkontraktion tun können. Die Geburt verläuft sehr viel leichter und schneller und die Mutter wird ihre ganze Einstellung und Annahme ihrer Rolle verändern. Die nach unten und nach vorn gerichtete Orientierung des Beckenbodens und des Geburtskanals in der Hockstellung ist so, dass all ihre Kraft in eine Richtung gelenkt wird, das Baby nach unten, nach vorn und aus ihrem Körper heraus zu drücken, ohne Energie in andere Richtungen zu verschwenden. Zusätzlich wird der ganze Ablauf durch die Schwerkraft unterstützt. Mit der richtigen yogischen Vorbereitung kann eine Frau leicht in Kali Asana entbinden und wird wenig Hilfe vom Arzt und der Hebamme benötigen.

Die Lithotomie-Lage

Im Gegensatz dazu wird die moderne westliche Frau fast ausschließlich von ihrem Kind aus einer Lage entbunden, die als die Lithotomie-Position (Steinschnittlage) bekannt ist. Hier liegt die werdende Mutter auf ihrem Rücken, die Beine sind angehoben. Ihre Fußgelenke sind meistens oberhalb und an beiden Seiten des Tisches festgebunden, der Beckenboden liegt am äußersten Ende des Entbindungstisches, und der Geburtskanal liegt horizontal und nach oben gerichtet. In dieser Lage ist die Frau gezwungen, gegen die Schwerkraft anzuarbeiten; sie muss ihr Kind nach oben und von ihrem Körper fort herauspressen. Diese Lage wider­spricht gänzlich dem Naturprinzip der Schwerkraft. Der ihr angeborenen und äußerst wirkungs­vollen Fähigkeit des Pressens und Ausstoßens des Fötus wird entgegengewirkt, und damit verschwindet die Kraft ihrer Eigenaktivität während des Geburtsvorgangs. Außerdem wird ein großes Quantum der vitalen Energien in falsche Richtungen gelenkt, das heißt, sie wird im Rücken und in den Bein­muskeln vergeudet, statt dahingelenkt zu werden, wo sie nötig ist, um erfolgreich und triumphierend zu entbinden.
In dieser Lage verändert sich die ganze innere Einstellung der Frau. Sie kann nun nicht mehr selbst die Entbindung lenken, und somit hat sie kein Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten, das Naturgeschehen zu unterstützen, weil sie nicht mehr in der Lage ist, ihre natürliche Kraft einzusetzen. Wenn du die Wahl hättest, wie würdest du dein Kind zur Welt bringen?

Die Harmonisierung von Apana Shakti

In der yogischen Philosophie wird die vom Nabel zum Becken abwärtsfließende Pranakraft Apana Shakti genannt. Mit Hilfe dieser Energie wird das Baby während der Geburt durch den Geburtskanal nach unten getrieben. Das Geheimnis einer erfolgreichen Geburt liegt in dem wechselseitigen Abgeben und Aufnehmen von Apana, und dies im Einklang mit den Kontraktionen des Uterus. Im Grunde ist es der gleiche Vorgang wie das Entleeren der Därme, was in der tradi­tionellen Hockstellung sehr viel wirkungsvoller und gesundheitsfördernder ist, als aus der Lithotomie-Position oder dem Sitz auf unseren kultivierten und zivilisierten Toiletten. In den beiden letzteren Haltungen wird Apana Shakti ganz eindeutig in ihrem natürlichen Verlauf behindert.
Die Frauen haben heutzutage die ihnen innewohnende Weisheit und Kraft verloren. Man sollte nun aber nicht voreilig die Geburtshelfer und Gynäkologen dafür verant­wortlich machen. Sie wissen sehr wohl, dass eine starke Frau in der Hockhaltung sehr viel leichter ent­binden kann; die Rolle des Arztes wird hier allerdings mehr passiv und ist nicht mehr so wichtig. Der Geburtskanal ist nicht mehr so leicht zugänglich für ein aktives Eingreifen, er ist nicht mehr derjenige, der die alleinige Verantwor­tung hat, ja er wird mehr zum Ratgeber. Die Lithotomie-Position gibt dem Arzt Macht, Prestige und Lebensunterhalt. Wenn Frauen ihre eigenen Potentiale, die durch Kali Asana symbolisiert werden, erkennen würden, könnte die heutige soziale Dominanz der Männer über die Frauen in weniger als einem Jahrzehnt überholt sein.

Wie man sich auf die Geburt in Kali Asana vorbereitet

Frauen, die in dieser Haltung entbinden möchten, so wie Frauen durch alle Zeiten hindurch das so gemacht haben und in den primitiven Kulturen auch heute noch tun, sollten zuerst einmal die Göttin Kali freundlich für sich stimmen, damit Vertrauen, Kraft und Stärke erwachen können. Viele Frauen der zivilisierten Welt werden es anfänglich schwierig finden, in Kali Asana längere Zeit zu verharren. Durch Vernachlässigung der yogischen Techniken und denaturalisierte Nahrung sind die Muskeln und Ge­lenke der Hüften, des unteren Rückens, der Knie und der Knöchel alles andere als beweglich. Viele Frauen können nicht einmal mehr mit den Fersen auf dem Boden in der Hocke sitzen, so groß ist die Unflexibilität der Knöchel. So können sie natürlich nicht in Kali Asana entbinden, denn dazu müssen sie länger in der Haltung sitzen können. Die Frau muss auch in der Lage sein, sich nach oben zu bewegen in dem Moment, wenn der Kopf des Kindes in der Vagina sichtbar wird. So müssen sie verharren, bis das Kind ganz herausschlupft. In der Lithotomie-Position ist dieser zweite Teil der Entbindung oft unnötig in die Länge gezogen, und gerade in dieser Phase entstehen die meisten Komplikationen und Verfestigungen, die zum Noteinsatz führen. Viele dieser Probleme könnten vermieden werden, und diese äußerst wichtige Phase kann in zehn bis fünfzehn Minuten beendet sein, wenn das Kind in Kali Asana mit einer er­fahrenen Hilfskraft entbunden wird. Für eine Frau, die schon eine gewisse Zeit Yoga gemacht hat, deren Gelenke und Bänder flexibel sind, ist eine solche Entbindung sicher ideal.
Wie kann man den Körper vorbereiten? Alle Asanas sind hilfreich, besonders aber werden die Knie und Knöchel durch den Krähenlauf, durch Namaskara, das Holzhacken und durch Utthanasana vorbereitet, und die Hüften werden flexibel durch die Schmetterlingsübungen. Diese Übungen sollten täglich ausgeführt werden, verbunden mit einer yogischen Ernährung, durch die angesammelte Ablagerungen und Gifte von den Gelenken ausgeschwemmt werden und eine gut funktionie­rende Verdauung selbstverständlich wird.
Die Mutter, die sich so vorbereitet, hat den Schlüssel zu einer leichten und erfolgreichen Geburt. Durch Yoga lernt sie, wie sie ihre Energien konservieren und lenken und wie sie sich vollkommen und schnell ent­spannen kann, so dass sie sich jeder Kontraktion mit neuen Kräften stellt. So wird die Geburt mit Freude und Ausdauer vollendet. Sie kann voll bewusst die Körperrhythmen kontrollieren und aufeinander einstellen.
Die meisten Geburten könnten normal verlaufen, ohne jede Aufregung. Der Geburtsvorgang ist keine Krankheit, in der man Arzneien oder Betäubungsmittel braucht, obwohl es Zeiten geben kann, wo Hilfe benötigt wird. Aber die Frau sollte nicht abhängig sein von der modernen Geburtshilfe auf Kosten der eigenen Kräfte.
Yoga ist eine Wissenschaft, die eine Frau für ihre spirituelle, körperliche und seelische Entwicklung erfor­schen kann, so dass sie ihre Stärken erkennt und ihre Grenzen überwinden kann. Sie kann der Mutterschaft gelassen entgegensehen, wenn sie die innewohnenden intuitiven Dimensionen ihrer Persönlichkeit entwickelt und sich selbst als einen glücklichen, kreativen und erfüllten Menschen erkennt.

Krähenlauf

Setze dich in die Hocke. Lege die Handflächen auf die Knie und beginne so dich fortzubewegen. Entweder läuft man auf den Zehen oder auf dem ganzen Fuß; wähle das, was für dich am schwersten ist. Überanstrenge dich nicht! Beim Krähenlauf berührt ein Knie mit jedem Schritt den Boden.

Die Schmetterlings-Varianten

Halber Schmetterling

Lege den rechten Fuß auf den linken Oberschenkel, die linke Hand auf die rechte Fußspitze, die rechte Hand auf das rechte Knie. Bewege nun ganz sachte das gebeugte rechte Bein mit der rechten Hand auf und ab, so dass sich die Muskeln so weit wie möglich entspannen können. Durch kontinuierliches Üben wird das Knie den Boden berühren. Mache das Gleiche mit dem linken Bein und dann mit beiden Beinen.

Knie-Kreisen

Bleibe in der gleichen Position wie oben beschrieben. Kreise mit dem rechten angewinkelten Bein und lasse die Kreise allmählich immer größer werden. Mache dies 10 Mal im Uhrzeigersinn und 10 Mal entgegen dem Uhrzeigersinn. Das Gleiche mit dem linken Bein.

Voller Schmetterling

Du bringst die Sohlen deiner Füße zusammen und ziehst sie so nah zum Körper, wie möglich; die Fersen sollten am Beckenboden anstoßen. Die Finger sind um die Fußspitzen herumgelegt. Vorsichtig drückst du die Knie in Richtung Fußboden, indem du die Ellbogen zur Hilfe nimmst und den Oberkörper ein wenig vorbeugst. In der Endhaltung berührt der Kopf den Fußboden, was jedoch am Anfang schwierig ist.

Variation a
Die gleiche Ausgangsposition, jedoch liegen die Hände auf den Knien. So drückst du die Knie ganz leicht in Richtung Fußboden und lässt sie wieder hochkommen. Mache das 20 Mal oder auch öfter.

Variation b
Die gleiche Ausgangsposition, jedoch liegen die Hände auf dem Boden seitlich hinter dem Rücken, die Arme sind ausge­streckt. Bewege die Knie 20 Mal oder öfter herauf und herunter.

Namaskara

Du sitzt in der Hockhaltung mit den ganzen Füssen auf dem Boden und den Knien weit auseinander. Die Handflächen sind vor der Brust aneinandergelegt.
Du presst nun die Oberarme gegen die Innenseite der Knie. Du atmest ein, hebst den Kopf und drückst die Knie so weit auseinander, wie möglich. Verharre einige Sekunden.
Du atmest aus, streckst die Arme vor und bringst die Knie nahe zueinander, dabei beugst du dich nach vorn und mit dem Kopf nach unten. Komme wieder in die Ausgangsposition.
Wiederhole das 10 Mal.

Utthanasana

Du stehst aufrecht, die Beine sind gegrätscht. Verschränke die Finger vor dem Unterleib, die Arme hängen herunter. Langsam beugst du die Knie nach außen und den Rumpf senkrecht nach unten, erst ein wenig; dann kommst du zurück. Das nächste Mal gehst du ein wenig tiefer und kommst zurück. Das dritte Mal gehst du noch tiefer, so dass die Hände kurz vorm Boden sind und kommst zurück. Das vierte Mal gehst du so tief, dass die Hände den Boden berühren und du kommst zurück. Das kannst du mehrere Male wiederholen. Entspanne dich.
Atme aus beim Heruntergehen – Atme ein beim Hochkommen.

Holzhacken

Du sitzt in der Hockhaltung mit den Füssen flach auf dem Boden, die Knie sind gebeugt und auseinander gebreitet.
Umfasse deine Hände, und mit gestreckten Armen machst du jetzt eine Bewegung, als hättest du eine Axt in der Hand und würdest Holz hacken.
Du atmest ein während du die Arme über den Kopf hebst.
Du atmest aus während die Arme herunterfallen.
Mache diese Übung 10-20 Mal.
Durch diese Übung wird die Brustmuskulatur gekräftigt und die sakra­len und vaginalen Muskeln werden für die Geburt vorbereitet.

Der moderne Mensch ist krank, weil er denkt, er ist krank. Krankheit und Leid haben keinen Platz im Leben eines Menschen, der die selbstbegrenzenden Gedanken, die die wahren Ursachen und der Same unserer unzähligen Leiden sind, nicht akzeptiert und toleriert. Wir sind hypnotisiert von dem Glauben, dass Krankheit und Leid unser Schicksal sind. Aber Gesundheit und Glückseligkeit ist unser wahres Geburtsrecht und unser Erbe. Um uns aus dieser Massen­hypnose und der kollektiven Hysterie zu erheben, um Gesund­heit, Freude und kreative Erfüllung zu finden, müssen wir Yoga in unser tägliches Leben bringen.
Swami Satyananda Saraswati

Literaturempfehlung:

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Ausserdem:

  • Das Fest der Geburt
  • Geburt ohne Gewalt
  • Atmen und Singen Weg des Lichts - alle von F. Leboyer, Kösel Verlag.