Interview

Interview

mit Swami Prakashananda Saraswati

zu ihrem neuen Lebensabschnitt


Swami Prakashananda, kann man sagen, dass im Laufe des Jahres 2013 ein Lebensabschnitt für Dich zu Ende geht und ein neuer beginnen wird?

Ja, ich denke das kann ich deutlich so bestätigen. In der Yogatradition sprechen wir von vier Abschnitten im Leben. Das sind die vier Ashramas. Im nächsten Jahr, wenn ich hier wegziehe, bin ich 75. Von 75 bis 100 (dem 4. Abschnitt) ist eigentlich die Zeit für Purna Sannyasa. Ich bin schon mit 42 in Purna Sannyasa eingeweiht worden. Heute glaube ich, dass ich die vergangenen Jahre eher in Varnaprashta Ashrama gelebt habe, also in der Vorbereitung auf Purna Sannyasa. In der letzten Zeit merke ich, wie die Sehnsucht, das Sannyasa Leben intensiver leben zu können, immer stärker wird. Insofern: Ja, ich werde einen neuen Lebensabschnitt beginnen.

Was ist dabei für Dich persönlich das Wesentliche?

Das Wesentliche ist, dass ich mich von einer großen Verantwortung, die ich mit der Leitung der Schule trage, lösen und aus der Großstadt herausbewegen werde, zurück in ein natürliches Umfeld, das für mein Leben äußerst wichtig ist. Dazu gehört hoffentlich auch, wieder Teil eines sozialen Miteinanders zu sein. Hier in Köln war das nicht der Fall, ich bin sehr allein, eigentlich nur die Vermittlerin von Yoga. Dabei ist doch Yoga und auch Sannyasa mit dem Leben anderer verbunden.  

Aus dem letzten Newsletter war zu erfahren, dass Du – bildlich gesprochen – mit größerem Gepäck nach Ratzeburg gehst, denn der Ananda Verlag und der Verein bleiben in Deiner Verantwortung. Bitte gib uns ein paar Einblicke, wie sich dennoch Dein Leben in Ratzeburg verändern wird?

Es ist mein Ziel, solchen Dingen wieder mehr Raum zu geben, die ich vernachlässigen musste. Unser Ordensname Saraswati ist Symbol für Musik, diesen Bereich habe ich vernachlässigt und werde ihn zu neuem Leben erwecken. Die Publikationen der Bihar School of Yoga in Form von Büchern, Yoga Magazines u.a. nehmen nicht ab. Auch heute noch liegt es mir am Herzen, dass vieles davon auch in deutsch zu lesen sein sollte. Wie die Veränderungen dann real aussehen werden, bleibt offen.

Wie denkst Du über die vergangenen Jahre in Köln?

(lacht)  Auch hier möchte ich auf die Yoga Lehre verweisen.  In Patanjalis Sutras wird von den Vrittis gesprochen, den mentalen Mustern. Eines davon ist Smriti – das Loslassen von Erinnerungen, das Leben im Hier und Jetzt. Köln war gut, Köln war notwendig. Die Yogalehre von Swami Satyananda in einer Großstadt weiterzugeben, mich mitten in der Großstadt aufzuhalten und eine viel größere Fluktuation zu erleben als im ländlichen Umfeld, waren wichtige Erfahrungen für mich. Ich habe einen Samen gelegt; was aus dem Pflänzchen wird, liegt nicht in meiner Hand. Zwölf Jahre Erfahrung mit Yoga in der Stadt sind und waren gut, ich sage gerne Adieu.

Was hat Dich zu der Entscheidung bewogen nach Ratzeburg zu gehen? Was gefällt Dir dort besonders?

So ganz nebenbei hat es mich schon über längere Zeit interessiert, was sich im Bereich Wohnen hier in Deutschland verändert und dazu gehört das Thema Mehrgenerationen–Wohnprojekte. Die Vereinsamung und Isolation nicht nur älterer Menschen schreit ja geradezu nach kleineren ‚Communities‘ und Netzwerken. Ende des Jahres 2011 wurde mir sehr deutlich bewusst, dass ich selbst den Schritt tun muss, die Kölner Zeit zum Ende zu bringen. So führte mich meine Suche sehr schnell nach Ratzeburg. Es gibt inzwischen unendlich viele Projekte, besonders in Norddeutschland. Das Ratzeburger Projekt liegt direkt am See und hier habe ich eine kleine Wohnung, in der das Büro für den Verlag usw. von meinem eigenen Bereich getrennt sein wird. Ich beobachte mit Interesse, was dort geschieht und freue mich, bald dazu zu gehören, Menschen zu begegnen, die nicht meine Yogaschüler sind – und nicht so ganz allein zu leben. Als ich das erste Mal Ratzeburg besuchte, hatte ich das Glück, die 950–Jahr–Feier des Ratzeburger Doms zu erleben. Das hat meine Seele springen lassen. Der Dom wird mein zweites Zuhause sein.

Aus dem letzten Newsletter ging hervor, dass die Schule des Satyananda Yoga Zentrums ihre Tore in Köln schließen wird. In welcher Form wirst Du möglicherweise im Norden Deutschlands weiterhin Satyananda Yoga vermitteln? Wirst Du Kurse geben oder eher Seminare mit ausgesuchten Inhalten, den klassischen Themen von Satyananda Yoga?

Ich wurde im Jahr 1983 von meinem Guru Swami Satyananda in Sannyasa eingeweiht und werde seitdem von ihm geführt. Das Sannyasa Leben kennt keine Kündigung, auch keine Rentenzeit, bis zum letzten Atemzug werde ich damit erfüllt sein. Nach dem Umzug werde ich erst einmal eine absolute Leere entstehen lassen, um herauszufinden, wohin ich weiter geführt werde. Es kann also gut sein, dass ich einige Seminare anbiete oder dass ich erkenne, dass Menschen in Ratzeburg mehr über den Yogaweg wissen wollen. Im Moment gibt es also weder Pläne, noch Vorstellungen. Erwartungen sollten nicht entstehen.

Der Verein Satyananda Yoga Zentrum wird weiterhin aktiv bleiben. Welche Veränderungen wird es möglicherweise für die Mitglieder des Vereins geben?

Im Grunde genommen gibt es keine Veränderung. 1984 habe ich mit sechs weiteren Personen den Verein in Lindau am Bodensee gegründet und er ist mit mir von dort durch ganz Deutschland gezogen, zuletzt im Jahr 2000 nach Köln. Es waren natürlich immer Menschen vor Ort, die Mitglied waren. Aber von Anfang an waren sie verteilt über ganz Deutschland, darüber hinaus auch im deutschsprachigen Ausland. Veränderungen gibt es also nur für die Menschen, die jetzt hier in Köln leben, die dann nicht mehr zu Kursen, Seminaren oder Festen kommen können und denen die Bibliothek hier nicht mehr zur Verfügung steht. Der Verein ist die Basis für alles, was dazu dient, Satyananda Yoga in Deutschland bekannt zu machen. Die hauptsächlich fördernden Mitglieder haben weiterhin die Möglichkeit, diese Arbeit zu unterstützen.

Viele Mitglieder lieben und schätzen die Bibliothek des Satyananda Yoga Zentrums sehr. Gibt es bereits konkrete Planungen für die Zukunft der Bibliothek?

Ja, das ist richtig, die Bibliothek ist eines der „Lieblingsbabys“, die ich geschaffen habe. Und das drückt sich in ihrem Inhalt aus. Es gibt viele Bücher, die ich aus Indien direkt mitgebracht habe und die in Deutschland noch gar nicht erhältlich sind. Es ist aber auch – und das haben wir im Laufe der letzten Monate erkannt – insofern mein „Baby“, weil ich jedes Buch in der Bibliothek kenne und daher ganz persönlich beraten kann. Hinter diesem Aspekt des Projekts Umzug steht noch ein großes Fragezeichen. Was wird aus der Bibliothek? Ratzeburg wird nicht ihr neues Domizil sein, was aber mit ihr geschehen soll, steht noch in den Sternen. Ich hoffe, auf diese Frage erhalten wir Ideen und Vorschläge von anderen. Die Bibliothek muss weiterhin sinnvoll genutzt werden! (Inzwischen hat sie ihr neues Zuhause gefunden und zwar in der Yoga Schule 'Samatvam' von Anandaratna und Gyan Shakti in Zürich.)
 
Köln war nun zwölf Jahre lang Dein Platz und der Sitz des Satyananda Yoga Zentrum e.V. Wird Satyananda Yoga weiterhin in Köln einen Platz haben, wird es Kurse geben oder besteht die Möglichkeit, dass das Team von Zeit zu Zeit Seminare mit Dir oder anderen Swamis organisieren wird?

Der physische Platz Plankgasse 42 wird aufgegeben, die Schule, der Verein und der Verlag werden nicht mehr hier in Köln wohnen. Im Moment ist unsicher, wer diese Räume übernehmen wird, auch hierzu warten wir noch auf Interessenten. Wie und wo Satyananda Yoga in Köln und Umgebung angeboten wird, hängt von anderen Menschen ab. Serga Falk (Shraddha) und Gabrielle Steiner (Sadhanananda) bieten ihren Yoga Unterricht schon lange in Köln an, auch Claudia Hardenack (Vimala) und Birgit Frank (Shanti) werden früher oder später beginnen, Satyananda Yoga zu unterrichten. Wenn jemand einmal mit Satyananda Yoga beginnt, findet er meist keinen rechten Zugang zu anderen Schulen und Lehren. Diese Erfahrung habe ich über all die Jahre gemacht. Es wäre also wünschenswert, wenn sich die Satyananda Yogis in Köln zusammen täten, ob sie nun Kirtan singen, Kurse oder auch Seminare anbieten oder sich vielleicht auf den Weg machen möchten, über die SYAE eine Ausbildung zu machen. Auch hierzu verweise ich auf den gelegten Samen.

Wie ist weiterhin weiterhin der Kontakt zur Satyananda Tradition möglich?

Ich habe die ganzen Jahrzehnte hindurch erlebt, dass Menschen, die einmal mit Satyananda Yoga in Kontakt kommen, sich früher oder später auch zu den Wurzeln hin bewegen, sich vielleicht nach einem Guru sehnen und nach Indien reisen. Die Bihar School of Yoga in Munger ist die Basis, in Rikhiapeeth hat Swami Satyananda die letzten zwanzig Jahre seines Lebens verbracht. Ein kurzer oder längerer Besuch ist geeignet, auf diesem Weg weiter und tiefer zu gehen. Es gibt die Satyananda Yoga Ashrams europa- und weltweit, wir haben überall Zentren und Schulen, die zum Teil auch Ashram-ähnlich aufgebaut sind. Der klassische Ashram befindet sich jedoch mit Sicherheit in Indien.

Was würdest Du denjenigen mit auf den Weg geben, die Woche für Woche zu Dir in den Unterricht kommen bzw. denen, die diesen Yogaweg weiter gehen wollen?

Ich betrachte Yoga als Hilfe zur Selbsthilfe. Ich zeige immer Möglichkeiten auf, wie Yoga in das Alltagsleben integriert werden kann. Mit den ‚5 Yogakapseln‘, die Swami Niranjanananda im Jahr 2006 in Europa vorstellte, können wir Yoga an jedem einzelnen Tag in unser Leben integrieren. Jede der Kapseln benötigt zehn Minuten, und das „Einnehmen“ verteilt sich auf fünf Zeiten des Tages bis zum Abend. Die erste und die letzte Kapsel seien die Wichtigsten, sagte Swami Niranjanji. Und weiter sagte er: „Wenn du dieses Sadhana dein ganzes Leben ausführst, wirst du immer frei sein von Stress und ein glückliches Leben führen.“ (Zur Einführung gibt es eine CD und das Büchlein LIVING YOGA.)
Solange die Menschen hier in die Kurse kommen, ist das SYZ vielleicht so etwas wie ein Zuhause auf dem spirituellen Weg. Zuerst mag es so empfunden worden sein, dass ich als Mutter dieses Zuhauses die armen Kinder allein zurücklasse. Aber jeder wird mit dem Weggang von mir automatisch wachsen und selbstständig werden und wird dann für den Rest seines Lebens wissen, was er durch Satyananda Yoga erhalten hat.  

Neben dem Verein hast Du ebenso den Ananda Verlag gegründet und durch Deine Übersetzungen die Publikationen der BSY (bzw. YPT = Yoga Publications Trust) den Menschen in deutscher Sprache zugänglich gemacht. Wirst Du Dich in Zukunft weiter dieser wichtigen Aufgabe widmen?

Die Bücher von Swami Satyananda und Swami Niranjanji sind ein wertvolles Geschenk für die Menschheit und sie enthalten die ganze Satyananda Yoga Lehre. Alles, was wir mit praktischen Übungen vermitteln, steht in Büchern geschrieben. Das Übersetzen ist für mich seit Beginn 1983 Teil meiner Aufgabe gewesen. Ich möchte sogar behaupten, dass ich über das Geschenk des Übersetzens die Inhalte und Hintergründe tief verinnerlicht habe, so dass dieses Wissen in die Vermittlung einfließt. Diese Aufgabe zusammen mit dem weiteren Herausgeben von Satyananda Yoga Büchern musste in den letzten Jahren sehr zurückstehen. Es gab Zeiten, in denen ich zwei bis drei Bücher in einem Jahr übersetzen konnte. Ich freue mich sehr, wenn wieder Raum dafür entsteht, mich den Übersetzungsarbeiten zu widmen.

Wird es Veränderungen geben, die den Onlineshop des Ananda Verlags betreffen?

In allem, was den Verlag betrifft, wird es keinerlei Veränderung geben. Knips & Konsorten, anderen auch bekannt als Nirbhasa und Sarita, haben ihre Medienagentur in Leipzig. Sie gestalten unsere Websites und haben auch den Online-Shop unter ihrer Verantwortung. Wir haben eine Verlagsauslieferung in Sauerlach, die alle unsere Bücher und CD’s führt und auch weiterhin ausliefern wird. Wenn ein Werk zu Ende geht, werde ich dafür sorgen, dass ein Nachdruck kommt. Das bleibt also weiterhin wie es ist. Auch die Website für den Verein wird bestehen bleiben. Wahrscheinlich werden dann andere Informationen erscheinen, weil Seminare und Kursinformationen erst einmal wegfallen. Auch die Newsletter von Verein und Verlag werden weiterhin herauskommen.

Es lässt sich gut nachvollziehen, dass der im kommenden Jahr anstehende Abschluss hier in Köln, der Umzug nach Ratzeburg und der Neubeginn dort eine umfangreiche Organisation erfordern und einiges an Arbeit ansteht. Welche Art von Unterstützung ist im Hinblick auf die anstehenden Veränderungen willkommen, welche Möglichkeiten gibt es, hier einen Beitrag zu leisten und diesen ganzen Prozess zu unterstützen?

IHR seid die Möglichkeit. Da sitzen sie (lacht). Ja, es wird eine logistische Herausforderung, denn die ganze Schule soll sich auflösen. Der ganze EDV Komplex, die ganze Buchhaltung, alles was zum Verein und Verlag gehört, wird mit mir ziehen. Mein eigener Besitz ist simpel, ich bin schließlich Sannyasin. Das bedeutet, vieles wird verschenkt, verkauft, recyclet. Wie der Übergang aussehen wird – hier alles zu schließen und dort einzuziehen – ist noch vollkommen offen. Ab 1. Januar 2013 werde ich mit meinem Team den Logistikplan erstellen.
Doch schon heute kann ich sagen, dass wir uns über jede Mitarbeit und über jede finanzielle Hilfe freuen. Unser SEVA-Projekt, das hier schon seit vielen Jahren Menschen in schwierigen Lebenssituationen ein Stück weiter geholfen hat, haben wir dafür wieder aufleben lassen  (siehe Seite 6). Wir haben uns dabei von Swami Satyananda inspirieren lassen. Dieses Projekt wird auf unserer Website bekannt gegeben. Wir werden darüber schreiben und andere Wege finden, es bekannt zu machen.

Wird die Möglichkeit bestehen, Dich in Ratzeburg zu besuchen?

(Lacht verhalten) Jeder kann mich in Ratzeburg besuchen. Es wird voraussichtlich eine, vielleicht auch zwei Wohnungen in dem ganzen Wohnprojekt geben, in denen wir Gäste unterbringen können. Meine Wohnung wird für mich ganz persönlich sein, für meine Kinder und Freunde, die ich zu mir einlade. Das können auch Freunde aus der ganzen Yoga-Szenerie sein, aber ich werde das dann persönlich gestalten.
In dem Moment, wenn ich erkenne, dass es für mich gut ist, von dort aus auch Seminare anzubieten, werden diese vielleicht ganz anders aufgebaut sein, als hier in Köln, nicht unbedingt am Wochenende, nicht nur in Räumen, sondern ein paar Tage lang, draußen in der Natur, mit Radfahrten, mit Wandern, mit Yoga auf dem Ratzeburger See. Wahrscheinlich bin ich irgendwann froh, wenn ich all die lieben Yogis, Yogaschüler, Seminarteilnehmer, wer auch immer es ist, mal wieder sehen kann.

Gibt es schon Details, was die zeitliche Planung betrifft, bis wann die Kurse und Seminare in Köln weitergehen und wann das Zentrum in Köln voraussichtlich geschlossen wird?

Die Kurse laufen weiter und das Ende wird im September oder Oktober 2013 sein. Da das Projekt noch im Entstehen ist, steht der Einzugstermin noch nicht fest. Bis 1. September sind Seminar-Daten auf unserer Website bekannt gegeben. Die klassischen Seminare, die ganz besonders gern besucht werden, stehen auf dem Programm oder werden noch ins Programm aufgenommen. Guru Purnima ist im Juli und das werden wir auf jeden Fall noch hier zelebrieren. Alles Weitere wird sich im Laufe des Jahres ergeben.

Swami Prakashananda, wir möchten uns auch im Namen des ganzen Teams herzlich für dieses Interview bedanken.