Karma Yoga im Alltag
Swami Niranjanananda Saraswati
Yoga als eine Serie von Übungen, die abseits vom normalen sozialen Leben ausgeführt werden, im Unterrichtsraum, im Retreat zusammen mit ‚spirituellen Menschen' - das ist noch immer die Vorstellung von Yoga. Durch das Üben von dieser oder jener Yogatechnik könne man dieses oder jenes Ergebnis erzielen, so stellen wir uns das vor. Dadurch haben wir Yoga zu einem mechanischen Prozess degradiert, der zu nichts anderem als zur Selbstwahrnehmung führt. Streben wir jedoch die Selbstverwirklichung an, dann müssen wir diese begrenzten Vorstellungen verlassen und Yoga Teil unserer natürlichen Ausdruckskraft werden lassen.
Üben wir Yoga, um uns gut zu fühlen, dann werden wir uns mit Sicherheit für eine Weile gut fühlen. Üben wir Yoga, um zu entspannen, werden wir uns mit Sicherheit entspannen. Üben wir Yoga, um uns mit unserem Inneren in Verbindung zu bringen, wird auch das möglich sein. Was immer wir auf diese Weise erreichen, ist allerdings nur vorrübergehender Natur. Inmitten der Realitäten des Lebens, wo wir mit Spannungen und Enttäuschungen konfrontiert sind, verschwinden die guten Wirkungen von Yoga schnell. Die wirkliche Erfahrung von Yoga - das müssen wir uns vor Augen führen - ist nur durch Karma Yoga möglich. Wenn wir den Weg der Selbstverwirklichung gehen wollen, gilt es, Karma Yoga in die anderen Yogawege zu integrieren, ob nun Hatha Yoga, Raja Yoga, Kundalini Yoga oder Kriya Yoga.
Manche glauben, dass Karma Yoga nichts für sie sei, dass es nichts weiter sei als harte oder stupide Arbeit. Andere glauben, es ginge in Karma Yoga nur darum, dem Guru, Gott oder der Menschheit zu dienen. Wieder andere glauben, Karma Yoga sei selbstloses Dienen oder selbstloses Handeln. Diese Definitionen geben allerdings nicht die wahre Bedeutung von Karma Yoga wieder. Karma ist ein in sich bestehender Teil unserer Persönlichkeit und unseres Lebens. Karma wurde als Handlung übersetzt oder auch als Ursache und Wirkung. Aber auch das gibt nicht die ganze Bedeutung von Karma. Wir müssen begreifen, dass das ganze Leben nichts als Karma ist. Vermeiden wir Karma, dann leben wir nicht.
Wie die Natur Karma zum Ausdruck bringt
Es sind die Elemente, durch die sich die Natur ausdrückt. Die Hitze des Feuers ist das Karma von Feuer. Die Ausdehnung von Raum ist das Karma von Raum. Die Bewegung des Windes ist das Karma von Luft. Die Fluidität ist die Natur von Wasser, ist das Karma von Wasser. Die Festigkeit und Stabilität sind das Karma von Erde. Wünsche, Erwartungen und Gedanken sind Karmas des Verstandes. Der Ausdruck der Sinne ist das Karma des Körpers. Wir sind in der Tat homogenes, allumfassendes Karma. Die ganze Welt, die ganze Schöpfung ist homogenes Karma.
Karma ist nicht nur Ursache und Wirkung, nicht nur Handlung. Karma ist eine äußerst feine wellenartige Bewegung, die alle Dimensionen der Schöpfung berührt. Karma ist Bewegung von Körper und Geist. Karma ist Bewegung, die den Körper über die Sinne einbezieht und die den Geist über die mentalen Projektionen und Erfahrungen einbezieht. Durch das Üben von Asana verändern wir das Karma des Körpers. Durch das Üben von Pranayama verändern wir das Karma der Vitalität und des Gehirns. Durch das Üben von Meditation verändern wir das Karma des feinstofflichen Geistes. Auf diese Weise arbeiten wir mit den Karmas, die uns in jedem Fall beeinflussen, entweder positiv oder negativ. Karma Yoga ist die Achtsamkeit für die Bewegung im Leben. Nicht harte Arbeit, nicht das Dienen, nicht Ursache und Wirkung sind die eigentliche Bedeutung von Karma. Es ist das Erkennen dessen, wie wir mit uns selbst und unserer Umgebung in engster Verbindung stehen.
Im dritten Kapitel der Bhagavad Gita macht Krishna deutlich, das Karma Yoga von den Menschen niemals richtig verstanden wurde. Das war vor fünf Tausend Jahren, und heute ist es noch immer so. Mit Karma Yoga kommt ein Prozess in Gang, in dessen Verlauf wir die menschliche Natur begreifen und die gesamte Persönlichkeit erkennen. Wir werden Zeuge der Entwicklung vom grobstofflichen zum feinstofflichen bis zum spirituellen Leben.
Achtsam werden
Es gibt fünf Komponenten in Karma Yoga. Die erste davon ist Achtsamkeit. Während der Ausführung von Asana werden wir uns des Körpers bewusst. Die Achtsamkeit wird Teil der Asanaübung und der Körperbewegung. Das Bewegen eines Fingers kann der Anfang sein. Wie sich der Finger bewegt, wie die Muskeln angezogen werden, welche Rolle die Gelenke dabei spielen, diese Erfahrungen machen wir durch Achtsamkeit. Die wachsende Achtsamkeit zerlegt den Finger in Knochen, Muskeln und Nerven. Die Muskeln und Knochen bewegen sich unterschiedlich, die Nerven und Bänder ziehen unterschiedlich und die Achtsamkeit wird immer präziser, immer feiner. Was wir am Anfang beobachtet haben, ist eine Erfahrung, später erkennen wir weit mehr der verschiedenen Komponenten und Formen. Das Ziel von Asana ist es, dessen gewahr zu werden, wie sich der Körper in normalen Lebenssituationen zum Ausdruck bringt. Es ist die Achtsamkeit in der Asanaübung, die zu Wohlbefinden und Stabilität führt.
In den Yoga Sutras beschreibt Patanjali ein Asana als eine Haltung, in der man angenehm und fest ist. In den vergangenen 20 Minuten habt ihr hier gesessen. Fühlt ihr euch fest und angenehm? Einige vielleicht, andere nicht, und diejenigen, die sich im Moment wohl fühlen, werden das nach 10 Minuten wahrscheinlich nicht mehr. Wir sind nicht wirklich mit dem Körper verbunden. Wir sitzen, sind uns jedoch des Sitzens nicht bewusst. Wir gehen, sind uns jedoch des Gehens nicht bewusst. Wir bewegen unseren Körper, sind uns jedoch dieser Bewegungen nicht bewusst. Durch Asana soll dieser Zustand der Festigkeit und des Wohlbefindens erreicht werden. Nur durch die sich ausdehnende Bewusstheit kann Wohlbefinden und Festigkeit erkannt werden.
Die Reaktion beobachten
Die zweite Komponente von Karma Yoga ist mentaler Natur, es ist das Beobachten der inneren Reaktionen und des inneren Verhaltens. Da sagt jemand zu dir: "Du bist wirklich wunderschön, ein großer und wunderbarer Mensch." Ein anderer sagt: "Dich kann man wirklich für nichts gebrauchen - hoffnungslos." Beide Sätze haben eine tiefe Wirkung und lösen eine Reaktion aus. Eine solche Reaktion dominiert nun alle Vorstellungen und Ideen. Der eine Satz hebt die Stimmung an, der andere lässt sie tief sinken. Die ganze Gemütslage verändert sich. Tatsächlich vermag es ein einzelner Satz, die Stimmung zu dominieren. Die erste Komponente von Karma Yoga ist die Bewusstheit, die zweite ist das Beobachten der Reaktion.
Patanjali legt im dritten Sutra dar: "Der Seher errichtet seinen Platz in seiner eigenen Natur." Wer ist dieser Seher, dieser Beobachter? Welche Rolle spielt er? Auf der ersten Stufe erkennt der Seher die Reaktion auf Menschen, Situationen und Umstände. Genau das ist auch ein wichtiges Ziel der Meditation. Durch Meditation werden Veränderungen der Stimmungslage, des Bewusstseins und der Gedanken erfahren und beobachtet. Erst, wenn wir in der Lage sind, die sich zeigenden mentalen Ausdruckskräfte zu erkennen, wird es möglich, sie auch zu lenken und zu führen. Auch Meditation wird zu einem Prozess des Erkennens der mentalen, psychologischen, feinstofflichen, emotionalen oder karmischen Bewegungen.
Immunität entwickeln
Die dritte Komponente liegt darin, Immunität gegenüber den auf uns Einfluss ausübenden Kräften zu entwickeln. Wie ist es möglich, den Situationen oder den Einflusskräften gegenüber immun zu werden? Wir müssen uns aus der selbst-zentrierten Wahrnehmung heraus bewegen, einer Wahrnehmung, in der andere Menschen oder Dinge nicht existieren, in der wir der Mittelpunkt und die einzige Blickrichtung in unserem Leben sind. Sind wir in der Lage, uns über die selbst-zentrierte Wahrnehmung hinaus zu tragen, entsteht automatisch Immunität den Situationen, Ereignissen und Vorstellungen gegenüber.
Mit emotionalen Ausdrucksformen umgehen
Die vierte Komponente von Karma Yoga ist das Lösen von emotionalen Blockaden. Emotionen sind wirklich äußerst glitschig, aalglatt. Anders der Intellekt, mit ihm beschreiten wir einen geraden, linearen Weg. Durch Logik ist es möglich, sich von Punkt A zu Punkt B zu Punkt C zu Punkt D zu bewegen, es ist eine fortlaufende Route, bis zum Ende. Die Logik oder der Intellekt, das ist ein gerader horizontaler Pfad. Nicht jedoch die Emotionen, sie bilden eine schiefe Ebene mit mindestens 45° Gefälle. Es ist schwierig, hinauf zu klettern, und es ist leicht, abzurutschen. Es ist schwierig, eine positive und zufriedene emotionale Identität zu entwickeln, und es geschieht sehr leicht, in negative Emotionen abzusinken. Es wurde uns niemals beigebracht, zu hassen, wütend oder eifersüchtig oder aggressiv zu werden. Diese Gefühle sind einfach aus dem Nichts aufgetaucht. Versuchen wir jedoch, andere zu lehren, wie sie lieben sollen, wie sie mitfühlend und positiv werden können, dann taucht das nicht einfach aus dem Nichts aus. Die Emotionen gleichen wirklich einer schrägen Piste; meistens rutschen wir runter, und das Heraufklettern erfordert große Anstrengung, es ist eine lange Reise.
Sich darüber bewusst zu werden, wie wir mit den emotionalen Ausdruckskräften umgehen, ist die vierte Komponente. Lässt sich die Heiterkeit sowohl im Erfolg als auch in der Niederlage aufrecht erhalten? Wenn das möglich ist, dann spricht das für eine ausgewogene Persönlichkeit. Wir brauchen allerdings Vertrauen, Gewissenhaftigkeit und den Glauben sowohl an uns selbst als auch in eine höhere kosmische Natur, die unser Leben lenkt.
Ein gutes Beispiel ist ein Bauer. Er bringt die Saat aus und beobachtet das Wachstum in der Hoffnung, dass die ausgebrachte Saat nach einiger Zeit eine gute Ernte bringen wird. Das ist aber auch alles, was er tun kann. Nun muss er auf die göttliche Gnade und das richtige Wetter zur richtigen Zeit warten. Es gibt eine Grenze menschlicher Bemühung, danach müssen wir höheren Kräften vertrauen. Ist der Boden nicht gut, nützen die Anstrengungen des Bauern gar nichts, folgt ein wochenlanger Regen, kann der ganze Acker überflutet werden. Bis zu einem gewissen Punkt also ist Selbstvertrauen wichtig, was darüber liegt, erfordert den Glauben und das Vertrauen in eine höhere kosmische Kraft. Dieses ausgewogene Vertrauen nennt man Karma Yoga der Emotionen.
Liebgewordenes loslassen
Die fünfte Komponente von Karma Yoga ist das Aufgeben aller persönlichen Launen, allen Festklammerns an Gewohntem. Das bezeichnet man als Hingabe. Hingabe sollte hier allerdings nicht als philosophischer oder religiöser Begriff verstanden werden, sondern vielmehr als ein Überwinden und Auflösen von Anhaftungen, um frei zu werden. Im Moment des Loslassens von fixen Ideen entsteht Kreativität. Unsere kleinen Launen erlauben es unserer kreativen Natur nicht, sich zu zeigen. Kreativität zeigt sich nicht nur im künstlerischen Ausdruck. Kreativität ist die volle Entfaltung von Gedanken und Gefühlen. Diese Kreativität taucht dann auf, wenn wir uns von Komplexen und Liebgewordenem trennen. Nur so entwickelt sich ganz spontan und natürlich das selbstlose Tun, die nächste Stufe. Selbstlosigkeit kann nur dort existieren, wo es keine Wünsche, kein Verlangen, kein Anhaften und keine Identifikation mit Ereignissen mehr gibt. Normalerweise versuchen wir alle bei der erstbesten Gelegenheit, Wasser in Wein umzuwandeln. Nicht, weil es uns in irgend einer Weise hilft, sondern weil es unserem Ego einen Auftrieb gibt. Die selbstsüchtige Natur ist gewöhnlich vorherrschend. Selbstlos zu werden, ist eine der schwierigsten Aufgaben.
Gott wollte einem Weisen, der sich vielen asketischen Übungen unterworfen hatte, etwas Besonderes schenken. Der Heilige jedoch wünschte sich nichts anderes für sein Leben, als ein einziges Mal Gott zu sehen. Deshalb weigerte er sich, irgend etwas anzunehmen. Also gab Gott das Geschenk von Frieden, Wohlstand und Gesundheit dem Schatten des Weisen. Der Weise wusste nichts von dem Geschenk, aber wo immer er hinkam, herrschte Frieden, Wohlstand und Gesundheit. Das ist ein selbstloser Akt.
Selbstloser Dienst, der selbstlose Akt ist der Höhepunkt von Karma Yoga. Wird Karma Yoga mit den anderen Yoga-Richtungen in Verbindung gesetzt, lässt sich die Bedeutung erkennen. Hatha Yoga ohne Karma Yoga hat keine Bedeutung. Wir sprechen hier über Karma Yoga und nicht über Karma. Mit dem Zusatz von Yoga bedeutet dieser Begriff eine Ausgewogenheit des Lebens, in allen Ausdrucksformen des Körpers und des Geistes mit Gedanken und Emotionen. So sieht das Konzept von Karma Yoga aus - die Wahrnehmung nach innen zu bringen, sich der Besessenheit und der Negativität bewusst zu werden und sich von diesen Kräften zu trennen.
Wir müssen natürlich an einem Punkt beginnen, der fassbar und erkennbar ist. Das trifft zu auf unseren Körper, den wir von Geburt bis zum Tod mit uns tragen. Hatha Yoga und Raja Yoga führen in Verbindung mit Karma Yoga zu einer tieferen Bewusstheit. Wird Bhakti Yoga mit Karma Yoga verbunden, gleichen sich die Emotionen aus. Jnana Yoga und die intellektuelle Kraft führen in Verbindung mit Karma Yoga zu tieferem Wissen, größerer Erkenntnis, besserer Beobachtung und zu Weisheit. Wie bewegt sich ein perfektes Wesen beim Gehen, Essen, Leben, Schlafen? Darüber sollte man sich Gedanken machen. Selbst Kriya Yoga und Kundalini Yoga sind ohne Karma Yoga unvollkommen. Die Erfahrungen, die das Erwachen der feinstofflichen Kräfte, der feinstofflichen Energien und der psychischen Zentren mit sich bringt, müssen sich harmonisieren können, und das geschieht durch das Sichlösen von den negativen und nach unten ziehenden Tendenzen genau dieser Zentren.
Auf welche Weise können wir Karma Yoga verstehen und dieses Wissen in unser Leben einbeziehen? Es geschieht, in dem wir unsere Einstellung und unser Wahrnehmungsvermögen durch die verschiedenen Übungen aus dem Yoga verändern.
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