ANTAR MOUNA
von Swami Satyananda Saraswati
Es gibt kein größeres Kunstwerk als den inneren Frieden!
In Hatha Yoga gibt es die Technik Shankhaprakshalana, in der alle Gifte aus dem Magen und dem Darmtrakt entfernt werden. Mit dieser Übung können fast alle Verdauungsprobleme durch Regulieren des Gallensaftes, der Gase und des Schleims geheilt werden. Man trinkt etwa 16 Glas lauwarmes Salzwasser und macht zwischendurch fünf unterschiedliche Asanas; das reinigt und entgiftet den Magen und den Darmtrakt vollkommen; der Körper wird sehr leicht und frei von Spannung. Diese Übung kann man im Ashram lernen.
Ähnlich wie dieses gibt es auch ein mentales Shankhaprakshalana, in der der Geist von unnötigen Gedanken befreit und ein mentales Gleichgewicht hergestellt wird. Unser Bewußtsein ist verstopft mit üblen Vorstellungen, Spannungen, alten Samskaras und vielen unerfüllten Wünschen. Solange wir unnötige Ängste und Hemmungen in uns haben, können wir uns nicht entspannen. Wenn du den physischen Körper reinigst,. mußt du viel Salzwasser trinken und mehrere Male zur Toilette gehen. Das macht dich sehr müde, aber hinterher fühlst du dich viel besser. Genauso wirst du auch beim mentalen Shankhaprakshalana am Anfang müde werden, denn es liegt ein riesiger Gedankenberg vor dir, aber schließlich, wenn du dich von den Gedanken entleeren kannst, findest du eine tiefere innere Zufriedenheit.
Jeder hat sexuelle Wünsche, Samskaras, überflüssige Gedanken und Ängste, ob Mann oder Frau, ob König oder Diener. Jeder hat viele Probleme, wir alle haben kein reines Bewußtsein. Kannst du behaupten, daß du keinerlei Gifte im Körper hast und keine störenden Gedanken und Gefühle? Wenn du das sagst, sprichst du nicht die Wahrheit. Wünsche und Gedanken sind natürlich. Ein normaler Mensch ohne Wünsche und Gedanken ist ganz sicher irgendwie krank. Deine bewußten Gedanken wirst du vielleicht kennen, aber das Unterbewußte und das Unbewußte ist so tief, wie das Meer. Du kannst die Wellen an der Oberfläche sehen, aber die Tiere, die Skorpione, die Schlangen oder die wertvollen Perlen in der Tiefe bleiben dir verborgen. So kannst du auch deine Schwächen und Hemmungen, die tief im Unterbewußtsein liegen, nicht sehen. Du kannst deine tiefliegenden Samskaras, die sich durch deine Familie, deine Gesellschaft oder Religion seit unendlichen Zeiten dort angesammelt haben, nicht erkennen. Aber es gibt einen Weg, wie du dir ihrer bewußt werden und alles beobachten kannst, was im Unterbewußten und im Unbewußten liegt. Wenn dein Bewußtsein zur Ruhe kommen soll, mußt du es zuerst kennenlernen.
Durch Antar Mouna, die innere Stille, lernen wir unser Bewußtsein, die Quelle unserer Gedanken und Gefühle, kennen. Während du diese yogische Übung machst, kommen die unterdrückten Samskaras an die Oberfläche. Während Shankhaprakshalana trinkst du sehr viel Wasser, und während Antar Mouna machst du Japa. Das Mantra dringt in das Bewußtsein ein und kratzt alle Samskaras und Spannungen heraus. Je nach der Qualität deiner Samskaras wirst du unwichtige oder wenig erbauliche Gedanken, schreckliche Geister oder wunderschöne Landschaften sehen. Wenn schlechte Gedanken oder schreckliche Bilder erscheinen, wirst du vielleicht nervös, weil du diese Dinge während deines normalen Lebens niemals erlebst oder siehst. Besonders in dem Moment, wenn man meditieren oder beten will, stürzen diese Gedanken als wahre Plage auf einen ein. Warum?
Während du meditierst, vergißt du die äußere Welt, du ziehst deine Sinne nach innen, und dort begegnest du all den unzähligen Samskaras in allen möglichen Formen. Sie sind die Ursache zu allen mentalen und körperlichen Krankheiten. Wenn der Aspirant diese belanglosen und langweiligen Gedanken betrachtet, verzweifelt er und hört mit seinen spirituellen Übungen auf. Er glaubt, daß dieser Weg nicht der richtige für ihn ist. Aber er sollte nicht aufgeben, denn diese mentale Reinigung ist absolut notwendig.
Wenn du ein Zimmer nach einer langen Zeit wieder betrittst, wirst du bemerken, daß alles schmutzig und staubig ist, der Fußboden, die Wände, alles ist mit Staub bedeckt. Wenn du den Raum reinigen willst, mußt du erst alles ausräumen; und während du fegst, wird der Staub erst richtig hochkommen. Würdest du aus diesem Grund aufhören, zu fegen, würde der Raum niemals sauber. Genauso kannst du dein Gemüt nicht reinigen, wenn du nicht den Schmutz der Spannung und Hemmungen und des Ärgers durch Japa und Antar Mouna entfernst.
Antar Mouna und Japa sollten gleichzeitig gemacht werden. Du solltest deinen Gedanken als unbeteiligter Zeuge zusehen, ohne dich mit ihnen zu identifizieren. Zu Anfang ist es nicht notwendig, daß du dich auf einen Punkt konzentrierst. Aber du solltest deine spirituellen Übungen mit äußerster Aufmerksamkeit beharrlich ausführen.
Sehr oft unterdrücken Aspiranten während Japa ihre negativen Gedanken. Das ist nicht richtig. Wenn du diese Gedanken unterdrückst, gehen sie wiederum in die Tiefen des Unterbewußtseins, wo sie sich verstecken, aber weiterhin wüten. Diese unterbewußten Eindrücke verursachen Introvertiertheit. Sie sind so stark, daß sie dein ganzes Leben durcheinanderbringen und zerstören können. Während dieses Sadhanas werden Aspiranten manchmal schwach und dünn, kriegen Verstopfung oder werden ganz verwirrt; die unterdrückten, tiefliegenden Gedanken quellen heraus! Wenn du viele Tage keine Verdauung hast, wird das ganze System schwach und empfänglich für vielerlei Krankheiten. Genauso ist es, wenn du deine Spannungen nicht herausläßt, sie werden dir viele mentale Probleme schaffen.
Solange der Elefant stark und ungezähmt ist, muß du ihn sehr sorgfältig beobachten, sonst wird er dich überrennen. Solange dein Bewußtsein nicht unter deiner Kontrolle ist, mußt du dich mit ihm anfreunden und es beobachten. wenn du einmal der Meister deines Bewußtseins geworden bist, kannst du es lenken, wie du möchtest, aber zu Anfang ist das unmöglich. Während du Antar Mouna und Japa machst, solltest du deinem Bewußtsein also völlig freien Lauf lassen und die Gedanken beobachten. Auf diese Weise wirst du allmählich deine Gedanken und Gefühle verstehen.
Die meisten Menschen haben nur sehr vage Vorstellungen über ihre eigenen Probleme; sie haben keine freien Gedanken. Sie denken nur im Einklang mit ihrer Gesellschaft und Tradition. Der Grund von Krankheit liegt nicht nur in früheren Karmas; auch die Gesellschaft trägt einen großen Teil der Verantwortung dafür. Du mußt innerlich sehr stark werden, um inneren Frieden und innere Freiheit zu erlangen. Du mußt dich selbst von den unwahren Wegen und den falschen Gewohnheiten der Gesellschaft lösen. Du mußt deine Gedanken verändern. Du mußt dich auf die Suche nach dem wahren Sinn und der höheren Bedeutung des Lebens begeben. Solange du nicht den richtigen Weg kennst, deine Probleme zu lösen, solange wird dein Leben nicht ruhig dahinfließen können. In den meisten Familien wird ständig gestritten und sie sind völlig aufgelöst beim Tod eines ‘ihrer Lieben`. Man verliert sein ganzes seelisches Gleichgewicht, wenn irgend etwas im Berufsleben schief geht. Erst, wenn du lernst, jede Situation zu akzeptieren, dann wirst du die richtige Lösung für alle Probleme finden, für mentale, ebenso wie für körperliche.
Moderne Wissenschaftler erklären, daß das Bewußtsein die Ursache aller mentalen und physischen Krankheiten ist. Diabetes scheint auf den ersten Blich eine physische Krankheit zu sein, die dann auftaucht, wenn die Bauchspeicheldrüse nicht genug Insulin produziert. Aber die Mediziner haben herausgefunden, daß jemand, der dauernd über ihm zugefügte Beleidigungen und Streitereien nachdenkt, neurotisch wird. Diese ständigen Grübeleien haben einen sehr ungünstigen Einfluß auf die Neuronen im Gehirn. Gedankliche und nervliche Anspannung hat über das Gehirn auf die Bauchspeicheldrüse Auswirkungen in der Form, daß kein Insulin mehr produziert wird, so daß Diabetes entsteht.
Du wirst schon davon gehört haben, daß ein Einbrecher vor einer geplanten Tour seine Därme entleeren muß. Warum ist das so? Er steht unter so großer Spannung und ist voller Angst, und das beeinflußt sein Verdauungssystem. Verschiedene Spannungsformen, ob nun gedankliche oder emotionale, beeinflussen unterschiedliche Bewußtseinszentren und führen konsequenterweise zum Ruin der Gesundheit.
Wenn man auf der anderen Seite einen großen Erfolg im Berufsleben hat, eine Prüfung bestanden hat oder sehr berühmt wird, dann wird man so entspannt und gleichgültig, daß nun überhaupt keine Spannung und Erregung mehr in den Hirnzellen vorhanden ist, und dadurch wird die Blutzirkulation verhindert. In diesem Zustand wird man leicht Opfer eines Herzinfarktes. Oder Menschen, die sehr ehrgeizig sind, leiden an Krebs. Es ist das Bewußtsein, das für all die verschiedenen mentalen und physischen Störungen verantwortlich ist, ob sie nun in der Wirbelsäule oder im Magen beginnen.
Menschen, die im Kino, im Theater oder ähnlichen Vergnügungen Unterhaltung suchen, sind nicht selbstzufrieden; sie können den wahren Reiz und die Schönheit in ihrem eigenen Leben nicht finden. Sie flüchten vor ungünstigen Situationen ins Kartenspiel, Schachspiel oder in wertlosen Novellen. Das ist nicht die Lösung ihrer Probleme. Es ist nichts als Flucht. Die Feindschaft zwischen den Menschen und die Kriege zwischen den Völkern, das Zusammenbrechen von ganzen Gesellschaften, die individuellen Probleme und Streitigkeiten, das alles ist nur Ausdruck unserer kranken Gedanken und Gefühle.
Eine verheiratete Frau kam zu mir und klagte über ihren Sohn, weil er ein undisziplinierter Trunkenbold war. Sie war es leid, seine Angewohnheit ständig zu korrigieren und hatte auch keinen Erfolg. Ich habe ihr empfohlen, Trataka auf sein Augenbrauenzentrum (Bhrumadhya) zu machen, und zwar nachts, wenn der Junge schläft. Das hat sie gemacht und hat ihm positive Gedanken geschickt. Nach ungefähr drei Monaten haben sich seine Angewohnheiten gebessert.
Dieses Bewußtsein ist mysteriös und mächtig. Lord Krishna sagt in der Bhagavad Gita, daß das Gemüt der größte Feind ist für die, die Sklave ihrer Gedanken und Gefühle sind, aber es ist der beste Freund für Yogis, die den ganzen Gedankenkomplex unter ihre Kontrolle gebracht haben. Es ist also unsere Aufgabe, zuerst das Bewußtsein zu verstehen, um es dann durch Yoga bereitwillig zu machen. Dann nur kannst du die mentale Stärke erlangen, um allen Herausforderungen im Leben zu begegnen, ob Leid oder Trauer, und du wirst nicht mehr so leicht zu erschüttern sein.
Swami Satyananda Saraswati
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