Ziele

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Swami Niranjanananda Saraswati
Aus: Yoga Magazine 2007

Wie können wir als Satyananda Yogalehrer unsere Qualität beim Unterrichten verbessern?

Beginne damit, dein Verständnis von Yoga zu vertiefen und deine Fähigkeiten im Unterrichten auf eine höhere Stufe zu bringen. Das ist entscheidend, denn es haben sich große Unterschiede ergeben zwischen dem, was Swami Satyananda zu Beginn gelehrt hat und was wir heute unterrichten. Die ursprüngliche Intention der Übungen und Anweisungen und die Weise, wie Sri Swamiji sie anfänglich vorgestellt hat, sind ja nur einigen wenigen Lehrern zugänglich gewesen.

Ein Verstehen von Sri Swamijis ursprünglicher Herangehensweise an die Übungen ist notwendig, um unser yogisches System und unsere Tradition wahrhaftig zu begreifen.

Wir müssen im eigenen Unterrichtsprozess zu den Grundlagen zurückkommen, weil die ursprüngliche Absicht und Bedeutung von Yoga im Laufe der Zeit verloren geht. Jedes Mal, wenn ein neuer Lehrer mit dem Unterrichten beginnt, verändert sich der Stil, die Intention, die Worte, ja die ganze Lehre verändert sich. Wir sind alle unseren eigenen Weg gegangen, mit den besten Absichten zwar, aber mit einem begrenzten Verständnis - wir sind in eine Rolle geschlüpft und haben unsere Aufzeichnungen benutzt. Deswegen müssen wir  zu den Grundlagen zurückkommen, schlicht bleiben und uns auf die Einfachheit der Übungen besinnen.

Als Lehrer haben wir die Bedürfnisse, die die Menschen durch Yoga erfüllt sehen möchten, gestreift, doch die Essenz von Yoga haben wir dabei nicht berührt. Obwohl wir Satyananda Yoga unterrichtet haben, haben wir doch nie die Übungen wirklich in der Weise erklärt, in der Swami Satyananda sie gelehrt hat. Deswegen sollten wir nicht nach allen möglichen neuen Wegen suchen, Yoga zu präsentieren, sondern auf die ursprüngliche Lehrweise zurückgehen und die Perspektive von Swami Satyananda verstehen. Das ganze Yoga Konzept wird in einiger Zeit verloren gegangen sein, wenn wir uns als Lehrer nicht darüber klar sind, wie wir die Methoden leichter, einfacher, verständlicher und mit mehr Tiefe gestalten.

Dann wird jede Einrichtung kommerzialisiert und der individuelle, der besondere Lehrer wird ein kommerzieller Lehrer. Gerade heute besteht Sri Swamiji darauf, dass Yoga so schlicht wie möglich sein sollte, ohne Tamtam, nur das, was nötig ist, um das Verständnis der Menschen zu wecken und ihnen zu ermöglichen, sich wieder mit dem Eigentlichen zu verbinden.

Was sollten wir im Auge haben, wenn wir Yoga vermitteln wollen?

Es ist wichtig, uns daran zu erinnern, dass wir nicht Yogalehrer sondern Sadhakas sind.

Das Unterrichten von Yoga ist unser Beruf und unser Sadhana. Im Sinne einer beruflichen Tätigkeit unterrichten wir vielleicht unterschiedliche Gruppen in Yoga, Anfänger und  Fortgeschrittene in verschiedenen Stadien, und dementsprechend planen wir unseren Unterricht, so dass wir unsere beruflichen Fähigkeiten weiter ausbauen können. Es bedarf jedoch einer besonderen Anstrengung, dich nicht als Yogalehrer zu verstehen, sondern als Sadhaka. So wollen wir zuerst damit beginnen, das Konzept in unserem Bewusstsein zu ändern.

Wir stellen uns einen Professor vor, der in einer Klasse Physik unterrichtet und einen Professor, der sich mit physikalischen Experimenten im Labor  befasst. Der in der Klasse unterrichtende Professor hat das theoretische Wissen, doch der im Labor arbeitende Professor ist in die Formulierung dieser Theorie eingebunden und experimentiert mit ihr. Wir sind die, die im Labor arbeiten. Es ist unsere Aufgabe, zu experimentieren, zu beobachten, zu analysieren und zu entwickeln. Dann verändert sich die Rolle, die wir als Lehrer wahrnehmen. Wir werden tatsächlich Sadhakas, Experimentierende, und nicht Lehrer, bloße Vertreter einer Sache oder Sprecher. Wir sollten als Yoga Trainer, als Lehrer, als Leiter einer Gruppe oder eines Zentrums verstehen, dass wir Sadhakas sind und Yogaschülern das Sadhana nahe bringen wollen.

Ganz gleich, welchen Kurs wir geben, es ist nie einfach nur ein Yoga Kurs. Wir versuchen, einen Schritt weiter zu gehen, indem wir für den einzelnen Studenten einen Plan vorsehen, nach dem er sich weiter entwickeln kann. Entweder wird ein Plan in einer Form erstellt, nach der zuhause geübt wird, oder in einer anderen Form, in der jene Kontinuität und Inspiration aufrechterhalten werden kann. Wer dann tiefer gehen möchte, kann das tun. Jedenfalls muss jene Möglichkeit gegeben sein, Yoga nicht als morgendliche Übung anzunehmen, sondern als ein Verständnis, das ununterbrochenes Bemühen einschließt. So muss die Annäherung an das Unterrichten mit der Einstellung eines Sadhaka geschehen, nicht mit der eines Lehrers.

Wie können wir bei den vielseitigen Anforderungen des Lehrens eine ausgeglichene Haltung bewahren?

Wir müssen uns deutlich klar sein, um welche Eigenschaften wir uns bemühen sollten, um mit ihrer Hilfe unsere berufliche und individuelle Leistung zu verbessern. Sunyam oder eine ausgeglichene Haltung ist wichtig, wir müssen sie uns aber erst Punkt für Punkt erarbeiten. Zum Erarbeiten von Sunyam gehört eine Analyse unserer Notwendigkeiten, Verantwortungen und Möglichkeiten. Werden diese drei untereinander ausgeglichen, entsteht sunyam.

Wo liegt das Bedürfnis? Vielleicht führst du dein eigenes Zentrum, und es wird nicht von vielen Leuten genutzt. Es ist eine unabhängige Organisation, von ein oder zwei Leuten einfach geführt, vielleicht mit ein oder zwei weiteren Lehrern. In diesem Fall sind die Bedürfnisse für dein persönliches Leben und den Erhalt des Zentrums klar definiert: Finanzen, Strukturen und die Einrichtung als solche. In einer größeren Organisation sind die gleichen Notwendigkeiten im Vergleich größer, vielleicht zehnfach oder hundertfach. Als nächstes müssen wir eine Möglichkeit schaffen, um die Notwendigkeit zu erfüllen, und dann sind wir in der Verantwortung für die Erfüllung der Möglichkeiten und der Notwendigkeiten. Und hier kommt die Planung dazu.

Wir müssen unseren Mitteln entsprechend vielleicht eine kleine Klasse von Schülern oder eine große Klasse, ein Wochenendseminar oder ein einwöchiges Seminar mit Unterbringung planen. Diese drei Aspekte von Notwendigkeit, Möglichkeit und Verantwortung müssen sowohl im Hinblick auf einen ausgedehnten Zeitraum wie auch auf einen kurzen Zeitraum definiert werden. Stelle dir beispielsweise die Frage, “Wie viele Kurse kann ich dieses Jahr führen, und was sollte die Ausrichtung in meinem Unterricht sein?  Sollte ich nur Hatha Yoga unterrichten – oder sollte ich andere Yoga Richtungen einbeziehen?  Welche Art von Unterstützung werde ich brauchen?” Eine Ausgeglichenheit dieser drei Aspekte wird zu Sunyam, Klarheit und Weisheit im Berufsleben führen.

Wir werden oft unsicher, wenn wir merken, dass wir nicht in der Lage sind, unsere Pläne, mit denen wir begonnen haben, zu verwirklichen. Vielleicht liegt ein Defizit in der Finanzplanung, in der Einrichtung, der Unterstützung oder anderen Dingen vor. Daraus entsteht dass Unsicherheit. Dann fangen wir an, fieberhaft zu denken, wie wir die Situation in den Griff bekommen können. In diesem Stadium übernehmen wir vielleicht zu viele Aufgaben und schwächen uns so. Es gibt so viel zu tun und wir haben die Situation nicht im Griff. Diese spezifische Unsicherheit muss auf persönlicher Ebene bewältigt werden. Sie mag zu Sorge, Angst, Frustration führen oder sich auf andere Art ausdrücken. Dabei wäre es das Wichtigste, unser eigenes Vertrauen zu prüfen, ehe wir unter dem Einfluss von Ängstlichkeit fieberhaft nach Lösungen suchen. Das ist der Punkt, an dem die ausgeglichene Haltung von Suänyam ins Spiel kommt. Wo wir auf Zuversicht und Kompetenz stoßen, dort sollten wir weitermachen, doch wenn wir merken, dass die Dinge außer Kontrolle geraten, dann müssen wir mit Entschlossenheit erneut aufbauen. Unsere Haltung im Ablauf unserer täglichen Angelegenheiten zu prüfen, ist wichtig. Je mehr Arbeit wir uns schaffen, um so stärker binden wir uns in deren Details ein und umso weniger sind wir in der Lage, unsere Aufmerksamkeit auf das größere Bild zu richten.

Das ist es, was wir genau anschauen und bewerten müssen: wo wir jetzt stehen, welche Ziele wir erreichen wollen und ob unser Streben unser berufliches Leben unterstützt.  Dann sollten wir versuchen, den Prozess einfacher, effizienter und effektiver zu gestalten. Wir müssen erkennen, wie wir sind, was unser Streben ist, und unser berufliches Leben entsprechend anpassen, sei es in der Leitung, im Unterrichten oder in der Zusammenarbeit mit anderen. Wir können versuchen, uns der Gegenwart bewusster zu sein und offen für die Zukunft.

Ganga Darshan, Oktober 2004

Was ist die Essenz von Satyananda Yoga? Wie können Yogalehrer sie vermitteln?

Die meisten Schulen, die die physische Komponente von Yoga, also Asanas, vermitteln, folgen der Wohlfühl-Methode. Du dehnst deinen Körper, fühlst dich gut, locker und leicht und sagst: “Yoga hat mir wirklich geholfen”. Dieser Wohlfühleffekt ist oberflächlich, denn er lässt uns glauben, dass der Körper den Geist beeinflussen kann.

In der ersten Zeit, als Swami Satyananda mit dem Yoga-Training begann, pflegte er zu sagen, wenn du ein Asana machst, identifiziere dich nicht mit dem Körper. Zunächst nimm Annamaya Kosha (die Nahrungshülle) war, die Bewegungen des Körpers.

Bist du damit vertraut, wie der Körper unter deiner Führung auf die Asanas und Bewegungen eingeht, widme dich Pranamaya Kosha (die Energiehülle). Angenommen, du machst Surya Namaskara; zunächst ist es eine Übung – Rückwärtsbeuge, Vorwärtsbeuge, Streckung, Kontraktion, usw.

Dann solltest du versuchen, den Körper zu sehen oder ihn dir vorzustellen. Du siehst, wie du das Asana ausführst, von den Fingern bis zu den Zehen. Du brauchst deine Vorstellungskraft, um dich selbst zu sehen, wie du die perfekte Haltung ausführst, ehe du beginnst. In diesem Moment erinnere dich an die Steifheit und die Schmerzen, die du kennst. Wenn du dann die Haltung mit dem Körper ausführst, wirst du bemerken, dass etwas in dir nachgibt. Wenn du heute deine Zehen nicht berühren kannst, so wird nach einer Woche etwas nachgeben, deine Muskeln werden sich entspannen und du wirst bis zu den Zehen kommen. Das ist die Verbindung mit Annamaya Kosha. Um Annamaya Kosha zu harmonisieren, um den Körper vorzubereiten, mache dir zunächst ein Bild und führe erst dann die Übung aus.

Ehe du deinen Unterricht oder deine Übung be-ginnst, sage dir, Ich werde gleich zwölf Runden Surya Namaskara machen. Setze dich für ein paar Minuten in eine meditative Haltung und sieh dich selbst, wie du Surya Namaskara ausführst. Fühle die gleiche Streckung und Kontraktion des Körpers, die du fühlen würdest, wenn du dich tatsächlich bewegen würdest. Nachdem du das Asana mental oder visuell ausgeführt hast, machst du es physisch. Du wirst feststellen, dass dein Körper anders darauf reagiert und es besser macht.

Hast du deinen Körper unter Kontrolle, dann bewege dich zur nächsten Dimension, zu Pranamaya Kosha. Während der mentalen Ausführung des Asanas versuche, den Pranafluss in deinem Körper zu sehen. Stelle dir vor, dein Körper sei durchsichtig, und du könntest den Energiestrom sehen. Stößt Prana auf Steifheit oder Schmerz, dann ist der Energiefluss an dieser Stelle blockiert. Setze deine Willenskraft ein und lasse Prana hindurch fließen. Beginne erst mit dem Asana, wenn der Weg für die Energie frei ist.

Dein Geist hat sich jetzt mit etwas verbunden, das  feiner ist als das Physische. Verweile darin für einige Zeit, dann bewege dich weiter zu Manomaya Kosha (die Mentalhülle). Frage dich, ob du entspannt, friedlich, angespannt, beunruhigt bist. Dann verbinde dich mit Ida und Pingala. Bist du angespannt oder unruhig, schließe vor der Ausführung des Asanas die Augen, aktiviere das Ida Prinzip - nicht mit Pranayama, sondern durch die Willenskraft. Bist du eher lethargisch, aktiviere Pingala. Erkenne deine augenblickliche innere Haltung und den Energieflusses, und versuche, sie vor der yogischen Übung auszubalancieren.

Als Yogalehrer solltest du deine Stärken und Schwächen, Ambitionen und Bedürfnisse kennen. Vertiefe dich, denke nach und schreibe alle Eigenschaften auf, die du als deine Stärken, deine Schwächen, deine Ambitionen und deine Bedürfnisse erachtest. Jedes Mal, wenn du Yoga machst, mache dir deutlich: Das ist meine Schwäche, die ich überwinden will, und dies ist die Stärke, die ich weiter ausbilden will. Diese Ambition besteht nur in meiner Phantasie und, ich will daran arbeiten, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Definiere für dich deine Prioritäten in Bezug auf deine Persönlichkeit und deine Bedürfnisse, um die Qualität deines Lebens zu verbessern. So entsteht ein Sankalpa.

Angenommen, du verbindest deine Yogaübung mit dem Sankalpa, deine Willenskraft zu stärken, dann werden dir Asanas, Pranayamas, Mudras und Bandhas dabei helfen, sie zu erlangen, also eine Stärke oder Charaktereigenschaft zu entwickeln. Ebenso werden sie helfen, die Schwächen und die Mankos auszugleichen und die gesetzten Ziele und die Bedürfnisse im Auge zu haben.

Bewege dich zu jeder Ebene, die durch die Übung berührt wird, achtsam und schrittweise. Zunächst Annamaya Bewusstheit, um den Körper von den physischen Blockaden wie Steifheit und Müdigkeit zu befreien. Als zweites Pranamaya Bewusstheit, um die verschiedenen Organe verstärkt mit Prana zu beleben. Dann zu Manomaya Bewusstheit, um Geist und Körper miteinander zu verbinden. Es folgt Vijanamaya Bewusstheit, (Erkennen der psychischen oder höheren Mentalhülle), um die Stärken und Schwächen zu erkennen, um den Weg aus den Schwächen heraus zu finden und Charakterstärke und einen gesunden Geist zu entwickeln.

Beginne damit, deine Erfahrungen mit Yoga auf diese Weise zu vertiefen und erkenne die Wirkung. Dann erst vermittle Yoga in dieser Weise an andere Menschen. Auf diese Weise werden sie viel mehr von Yoga aufnehmen, als es normalerweise in einem nur auf den Körper ausgerichteten Unterricht möglich ist.

Swami Satyananda hat die sich ausdehnende und feiner werdende Wahrnehmung in unserer Yoga Praxis nachdrücklich betont, und darin unterscheidet sich Satyananda Yoga von den meisten der anderen Yoga Systemen. Über den Körper erlangen wir Zugang zum Geist, über Prana erlangen wir Zugang zum Bewusstsein. Der gesamte Yoga wird eingesetzt, um innere spirituelle Harmonie und Balance zu gewinnen.

Mangrove Mountain, Australia, März 2004
Übersetzt von Swami Prakashananda Saraswati