Ein Blick auf das Leben von Swami Satyananda Saraswati

Swami Satyananda Saraswati wurde 1923 in Almora (Uttaranchal) geboren. Er wuchs in ländlicher Umgebung auf, seine Vorfahren jedoch waren Krieger (Soldaten), und viele von ihnen, sein Vater eingeschlossen, dienten in der Armee und bei der Polizei.

Die Interessen von Sri Swamiji gingen allerdings in eine ganz andere Richtung. Schon im Alter von sechs Jahren hatte er spirituelle Erlebnisse in der Art, dass seine Wahrnehmung den Körper verließ. In diesem Zustand konnte er sich bewegungslos auf dem Boden liegen sehen. Viele Heilige und Sadhus, unter ihnen Anandamayi Ma, segneten ihn und versicherten seinen Eltern, dass er eine hochgradig entwickelte Wahrnehmung habe. In dieser Zeit begegnete Sri Swamiji einer tantrischen Bhairavi, Sukhman Giri. Von ihr erhielt er eine besondere Einweihung – Shaktipat. Sie forderte ihn auf, seinen Guru zu suchen, um seine spirituellen Erlebnisse zu festigen.

Mit neunzehn verließ er seine Familie und seine Heimat, um der Aufforderung der Bhairavari nachzukommen. In Swami Sivananda, dem er 1943 in Rishikesh begegnete, erkannte er seinen spirituellen Meister, der ihn am 12. September 1947 am Ufer des Ganges in den Dashnam Orden von Sannyasa einweihte und ihm den Namen Swami Satyananda Saraswati gab.

In diesen frühen Jahren diente Sri Swamiji mit ganzem Herzen seinem Guru – Guru Seva. Der kleine, weit außerhalb von Rishikesh liegende Ashram war zu jener Zeit gerade erst im Aufbau, es gab noch keinerlei Annehmlichkeiten, nicht einmal richtige Häuser und Toiletten. Er befand sich mitten im Wald mit Schlangen, Skorpio-nen, Moskitos, Affen und sogar Tigern. Die Ashramarbeit war hart. Ohne Wasseranschluss musste das Wasser in Eimern vom Ganges hinauf in den Ashram geschleppt werden. Um Wasser für den Bau des Ashrams speichern zu können, wurden von den hohen Berg-bächen herab zum Ashram kilometerlange Gräben ausgehoben.

Rishikesh war damals eine kleine Stadt. Alles, was der Ashram benötigte, musste über einen weiten Fußmarsch herangeschleppt werden. Darüber hinaus gab es viele Aufgaben zu erfüllen. Für die tägliche Puja im Vishwanath Mandir sammelte Sri Swamiji z.B. Lorbeerblätter aus dem direkt angrenzenden Urwald. Bei Krankheit gab es keine medizinische Versorgung. Da der Ashram ohne Küche war, gingen die Sannyasins zu den Dorfbewohnern und baten um Bhiksha (Almosen).

Sri Swamiji erzählte gerne von diesen außergewöhnlichen Jahren, in denen er inmitten einer großen Gruppe lebte und seinem Guru diente, von einer Zeit der vollkommenen Gemeinschaft, in der er sich ganz dem Guru Tattwa hingab. Swami Sivananda sprechen zu hören oder ihn zu sehen war sein Yoga. Was sein Guru vorausgesagt hatte, verwirklichte sich. Allein durch Hingabe und selbstloses Die-nen entfalteten sich in ihm die Geheimnisse des spirituellen Lebens. Er wurde eine Autorität in Yoga, Tantra, Vedanta, Samkhya und Kundalini Yoga. Schon in früher Jugend war die Vervollkommnung von Vairagya (Nicht-Anhaften) ein wichtiges Anliegen für Sri Swamiji. Sein Guru sagte von ihm, dass er regelrecht angefüllt sei mit der höchsten Form des Nachiketa Vairagya.

Ausgestattet mit einem photographischen Gedächtnis, einem hoch entwickelten Intellekt und der Aussage seines Gurus, er sei ein vielseitiges Genie, erlangte er sein umfassendes Wissen aber nicht durch Bücher und das Studium im Ashram. Es entfaltete sich aus seinem Inneren, durch sein unermüdliches Dienen, sein unerschütterliches Vertrauen und die Liebe zu Swami Sivananda. Er war es, der ihm sagte, er solle hart arbeiten, auf diese Weise würde er gereinigt. "Suche nicht außen nach dem Licht, sondern lasse zu, dass es sich von innen entfaltet."

Nachdem er zwölf Jahre seinem Guru gedient hatte, begab sich Swami Satyananda 1956 auf Wanderschaft (Parivrajaka). Kurz bevor er den Ashram verließ, weihte Swami Sivananda ihn in Kriya Yoga ein und erteilte ihm den Auftrag, Yoga in jede Ecke der Welt zu tragen – "from door to door and from shore to shore."

Als Bettelmönch machte er sich auf den Weg durch Indien, Afghanistan, Burma, Nepal, Tibet, Ceylon und den ganzen asiatischen Subkontinent – zu Fuß, mit dem Auto, dem Zug und manchmal sogar auf dem Rücken eines Kamels. Er begegnete Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft. In dieser Zeit formulierte er seine Idee, wie yogische Übungen weiter getragen werden könnten. Obwohl seine formale Erziehung und seine spirituelle Tradition eher dem Vedanta angehörten, entstand durch seine Art der Ver-mittlung eine ganz eigene Bewegung.

Nachdem sein Auftrag für ihn klar war, gründete er 1956 die "International Yoga Fellowship Movement" mit dem Ziel, ein weltweites Netzwerk für Yoga zu schaffen. Dies wurde ihm in Munger (Bihar) klar, deshalb gründete er genau hier die Bihar School of Yoga. Schon lange breitete sich seine Lehre in aller Welt aus. Zwischen 1963 und 1983 trug er Yoga persönlich in jede auch noch so entfernte Ecke der Welt, unabhängig von Rasse, Religion oder Nationalität. Er gab Tausenden spirituelle Führung und gründete Zentren oder Ashrams in verschiedenen Ländern.

Mehrere Male kam er nach Australien, Neu Seeland, Japan, China, die Philippinen, Hongkong, Malaysia, Thailand, Singapur, USA, England, Irland, Frankreich, Italien, Deutschland, Schweiz, Dänemark, Schweden, Jugoslawien, Polen, Ungarn, Bulgarien, Slowenien, Russland, Tschechoslowakei, Griechenland, Saudi Arabien, Kuwait, Bahrain, Dubai, Irak, Iran, Pakistan, Afghanistan, Kolumbien, Brasilien, Uruguay, Chile, Argentinien, Santo Domin-go, Puerto Rico, Sudan, Ägypten, Nairobi, Ghana, Mauritius, Alaska und Island. Es ist sicher nicht übertrieben zu sagen, dass Swami Satyananda die Flagge von Yoga in jedem Winkel der Welt aufgestellt hat.

An keinem Ort der Welt begegnete ihm Widerstand. Seine Art, wie er den Menschen das yogische Leben nahe brachte, war einzigartig. Vertraut und belesen in allen Religionen und Schriften, vermittelte er all das Wissen so selbstverständlich, dass sich Menschen aller Glaubensrichtungen für seine Lehre öffneten. Diese umfasste nicht nur das gesamte Spektrum des Yoga, sondern gleichzeitig das Wissen vieler Jahrtausende.

Sri Swamiji erhellte die tantrische Wissenschaft als die Mutter aller Philosophien, die erhabenen Wahrheiten des Vedanta, der Upanishaden und Puranas, des Buddhismus, Jainismus, der Sikhs, des Zoroastrismus, Islams und Christentums und ebenso die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Materie und Schöpfung. Er analysierte, interpretierte und gab genaue und systematische Erklärungen der uralten Systeme von Tantra und Yoga, in dem er bisher unbekannte Praktiken zugänglich machte.

Man kann sagen, dass Sri Swamiji auf dem Gebiet von Yoga ein Pionier war, denn die Art seiner Vermittlung war neu und erfrischend. Ajapa Japa, Antar Mouna, Pawanmuktasana, Kriya Yoga und Prana Vidya sind nur einige der Übungen, die er so methodisch und einfach einführte, dass es für jeden möglich ist, diese wertvolle und bisher unzugängliche Wissenschaft für die körperliche, mentale, emotionale und spirituelle Entwicklung zu nutzen.

Yoga Nidra war Sri Swamijis Interpretation des tantrischen Systems ‚Nyasa'. Durch eigene Erfahrung erkannte er das Potential der Übung Nyasa. Er setzte sie in einer Weise um, die für jeden anwendbar wurde. So blieb diese wirkungsvolle Übung nicht mehr als Requisit für Rituale im Verborgenen. Yoga Nidra ist nur ein Beispiel seines scharfsinnigen und erkenntnisreichen Eindringens in die uralten Systeme.

Sri Swamijis Weitblick war und ist inspirierend, erhebend und gleichzeitig tiefgreifend. Trotzdem sind Sprache und Begriffe immer einfach und leicht zu verstehen. Im Verlauf von weniger als zwanzig Jahren brachte er über achtzig Bücher über Yoga und Tantra heraus, die aufgrund ihrer Authentizität weltweit als Lehrbücher in Schulen und Universitäten akzeptiert sind. Sie wurden in Italienisch, Deutsch, Spanisch, Russisch, Jugoslawisch, Chinesisch, Französisch, Griechisch, Iranisch und viele andere Sprachen der Welt übersetzt.

Die Menschen nahmen seine Ideen an und spirituell Suchende aller Glaubensrichtungen und Nationalitäten suchten seine Nähe. Er weihte Tausende in Mantra und Sannyasa ein und legte damit den Samen für ein göttliches Leben. Mit niemals versiegender Energie und Begeisterung verbreitete er das Licht von Yoga, und in der relativ kurzen Zeit von zwanzig Jahren erfüllte er damit den Auftrag seines Gurus.

1983 war die Bihar School of Yoga schon weltweit als authentische Schule für Yoga und spirituelle Wissenschaften bekannt. Weiterhin hielt Yoga mitten im sozialen Leben Einzug und ist damit nicht mehr wenigen Einsiedlern und Asketen in ihren Höhlen vorbehalten. Yoga nimmt heute einen festen Platz in Krankenhäusern, Gefängnissen, Schulen, Universitäten, in Betrieben, im Leistungssport, in der Armee, in der Luftfahrt und in der Marine ein. Im Berufsleben begannen Anwälte, Ingenieure, Ärzte und Professoren, Schauspieler und viele mehr Yoga in ihr Leben zu integrieren. Inzwischen gehört Yoga in große Konzerne, in die Chefetagen und in das Managertraining. Yoga wurde zu einem Begriff.

Auf diesem Höhepunkt und nach der Vollendung seines Auftrags löste sich Sri Swamiji von allem, was er erschaffen hatte und ernannte Swami Niranjanananda als seinen Nachfolger.

1988 löste sich Sri Swamiji auch von Jüngern und Anhängern, von Zentren und Institutionen. Er verließ Munger, um niemals zurück zu kommen und begab sich auf eine Pilgerreise zu den Siddha Tirthas, den heiligen Stätten Indiens. Er ging als Bettler, ohne das geringste persönliche Eigentum und ohne jede Unterstützung der Ashrams oder Institutionen, die er ins Leben gerufen hatte.

In Trayambakeshwar, dem Jyotir Linga von Lord Mrityunjaya, seinem Ishta Devata, legte er auch seine Robe ab und lebte fortan als Avadhuta. In dieser Zeit wurden ihm sein zukünftiger Sitz und sein Sadhana enthüllt.

Laut dem Auftrag seines Ishta Devata, den er an der Quelle des Godavari Flusses nahe Niel Parbat in Trayambakeshwar (Maharash-tra) erhielt, kam Sri Swamji 1989 zum Verbrennungsplatz von Sati und ließ sich in Rikhia nieder, einem Außenbezirk von Baba Baidyanath Dham in Deoghar (Jharkhand).

Hier lebte Sri Swamji seit 1989. An diesem Ort führte er lange und beschwerliche Sadhanas aus, z.B. das Panchagni und Ashtottar-Shat-Laksh (108 Lakh) Mantra Purascharana. Schon früh als Paramahamsa eingeweiht, lebte er nach den Gesetzen dieses Ordens. Er stand nicht in Verbindung mit irgendeiner Institution, er gab kein Diksha oder Upadesh, er empfing kein Dakshina (Geschenke). Er blieb zurückgezo-gen für sich allein, führte sein Sadhana aus und zeigte sich nur selten. In solchen Momenten gab er seinen Anhängern, die sich immer danach sehnten, ihn für einen kurzen Moment sehen zu dürfen, Darshan. Die Bedeutung von Darshan wird folgendermaßen übersetzt: Einen flüchtigen Einblick in eine Höhere Wirklichkeit zu erhalten.

In der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember 2009 ging Paramahamsa Satyananda in Maha Samadhi ein.